Degenkolb spürt Fluch des Erfolges

John Degenkolb hat der verpassten Chance nicht lange nachgetrauert. Vielmehr ist der deutsche Klassikerspezialist schon kurz nach der Flandern-Rundfahrt gedanklich bei seinem Lieblings-Radrennen in der «Hölle des Nordens».

Degenkolb spürt Fluch des Erfolges
Luca Zennaro Degenkolb spürt Fluch des Erfolges

«Eine Top-Ten-Platzierung, ein Sieg, und das Sahnestückchen kommt in der Klassiker-Saison noch. Paris-Roubaix liegt mir noch etwas besser», sagte Degenkolb mit Blick auf die am Sonntag anstehende Tortur über das Kopfsteinpflaster Nordfrankreichs.

Belgien war dagegen diesmal keine Reise wert. Vielmehr spürte der Wahl-Frankfurter am Ostersonntag bei seinem siebten Platz den Fluch des Erfolges. Weil die Verfolger nicht so recht zusammenarbeiten wollten, sprintete Degenkolb in Oudenaarde nur um Platz sieben und nicht um den Sieg, den sich der Norweger Alexander Kristoff holte. «Wir haben in Sanremo gezeigt, dass wir - wenn es zum Sprint kommt - mit mir den Supermann dabei haben. Das haben viele im Hinterkopf. Das ist die Bürde, die wir zu tragen haben», betonte der 26-Jährige vom deutschen Team Giant-Alpecin, der zwei Wochen zuvor bei Mailand-Sanremo zu seinem ersten großen Klassiker-Sieg gerast war.

Bei der «Ronde» wollten es seine Rivalen nicht auf ein Sprint-Duell ankommen lassen. «Mit Dege fährt man natürlich nicht gerne zum Ziel, und ich denke, dass die anderen ihm den Weg dahin nicht ebnen wollten», erklärte Degenkolbs deutscher Kollege André Greipel aus dem Lotto-Rennstall. So wurde in der Verfolgergruppe auf die entscheidende Attacke von Kristoff und dem zweitplatzierten Niki Terpstra gut 28 Kilometer vor dem Ziel nur halbherzig reagiert, 49 Sekunden betrug am Ende der Rückstand von Degenkolb.

Den frühen Angriff des Duos habe er «als nicht so gravierend» eingeschätzt und daher unterschätzt, meinte Degenkolb und sprach von kleinen Fehlern, aus denen man lernen müsse. Trotzdem hob der gebürtige Thüringer die positiven Aspekte hervor. Am drittletzten der 19 giftigen Anstiege («Hellinge») habe er noch zwei Helfer gehabt, was ein großer Fortschritt im Vergleich zum vergangenen Jahr gewesen sei. Und seine Form stimme auch - trotz der Folgen eines Sturzes beim E3-Preis in Harelbeke.

Die Prellung in der Hüfte sei noch da, sagte Degenkolb, «aber nach so einem Rennen tun die Beine sowieso weh.» Immerhin spielte das Wetter auf den 264,2 Kilometern von Brügge nach Oudenaarde im Gegensatz zum Chaosrennen bei Gent-Wevelgem in der Vorwoche mit.

Dafür hatten die Fahrer diesmal Probleme ganz anderer Art. Der Neuseeländer Jesse Sergent wurde in einer Ausreißergruppe von einem überholenden Materialwagen regelrecht abgeräumt und musste das Rennen mit einem Schlüsselbeinbruch beenden. Auch der Franzose Sébastien Chavanel ging zu Boden, als es zu einem Auffahrunfall zwischen einem Materialwagen und dem Teamfahrzeug seines Rennstalls FdJ kam.

Kristoff bekam von alldem nichts mit. Als erster Norweger überhaupt trug er sich bei der 99. Auflage des Rennens in die Siegerliste ein und krönte sein starkes Jahr 2015 mit bislang zehn Siegen. «Die Flandern-Rundfahrt zu gewinnen, ist der Beweis, ein guter Klassikerfahrer zu sein», sagte Kristoff, der im Vorjahr schon Mailand-Sanremo gewonnen hatte.