Der andere Degas: Klassisch, modern, experimentell

Rosa, Gelb und Grüntöne dominieren die Küste, die steil ins leuchtend blaue Meer fällt. Eine schöne Landschaft. Ein Sehnsuchtsort. Doch eigentlich ein versteckter weiblicher Akt.

Der andere Degas: Klassisch, modern, experimentell
Uli Deck Der andere Degas: Klassisch, modern, experimentell

Sanfte Hügel entpuppen sich als Brüste, das rötliche Haar der Schönen verschmilzt mit den Felsen. «Steilküste» hat Edgar Degas das Pastell aus dem Jahr 1892 genannt. Es zeugt von der ganz anderen Seite des Malers. Wie experimentell und vielseitig der für seine Ballerinen-Bilder berühmte Franzose war, zeigt eine Schau in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe.

Unter dem Titel «Klassik und Experiment» präsentiert das renommierte Kunstmuseum 120 wertvolle Leihgaben aus aller Welt mit Werken aus eigenem Bestand. Darunter sind Hauptwerke des Künstlers, aber auch Raritäten. Ergänzt wird die vom 8. November bis zum 1. Februar nächsten Jahres dauernde Schau mit Werken berühmter Zeitgenossen oder Vorbildern - von Rembrandt über Ingres bis hin zu Manet, Gauguin oder Cézanne.

Edgar Degas (1834-1917) wird häufig den Impressionisten zugeordnet, weil er mit ihnen ausstellte. Doch seine auf den ersten Blick so leicht dahin geworfenen Szenen haben wenig mit der Malweise eines Claude Monet oder Camille Pissarro zu tun.

«Sein Ziel ist es, die Gegenwart auch unter dem Blickwinkel der künstlerischen Leistungen der Vergangenheit zu befragen. Das unterscheidet ihn von den Impressionisten», sagt Kurator Alexander Eiling. Dass einer der populärsten Künstler des 19. Jahrhunderts als gegenwartsbezogener Traditionalist und experimentierfreudiger Neuerer vorgestellt wird, unterscheidet die Karlsruher Ausstellung von den vielen anderen Degas-Schauen, meint Direktorin Pia Müller-Tamm.

So erinnert «Die Büglerin» aus dem Jahr 1869 in ihrer distanzierten Haltung an Vorbilder der Renaissance. Und wenn Degas klassische Themen wie bei den jungen Spartanerinnen aus dem Jahr 1860 schon nicht direkt aufgreift, dann wiederholt er die Gestik etwa in der zwölf Jahre später entstandenen «Gesangsprobe».

Degas entwickelte viele seiner Werke aus Kopien berühmter Vorbilder wie Mantegna oder Raffael - das ist der rote Faden, der sich durch die Ausstellung zieht. Das zeigt sich deutlich in den Selbstporträts und Bildern seiner Schwester, aber auch in den Jockey-Gemälden, die zuweilen so wirken, als hätte Degas den Reitern vom Parthenon-Fries nur ein Trikot übergezogen. In einem Selbstbildnis aus dem Jahr 1854 hat er auf der Rückseite sogar das klassische Vorbild kopiert.

Degas suchte immer wieder die Rückversicherung bei Alten Meistern - und forderte sie zugleich heraus. Er soll sich sogar gerühmt haben, alle Altmeister im Louvre kopiert zu haben. Kurator Eiling hält das für übertrieben - 600 Kopien, die Degas als Zeichnung, Druckgrafik oder Malerei ausführte, zeugen aber von seiner Passion.

In den vielen Porträts - darunter um die 40 Selbstporträts - wird der Rückgriff auf die Klassik immer wieder deutlich. Doch auch später in seinen Tänzerinnen-Bildern wird die strenge Bildkonstruktion ebenso beibehalten wie bei den nackten Badenden oder Genreszenen wie dem «Baumwollkontor».

Degas-Schauen sind häufig Ballerinen-Schauen. Die Kunsthalle will «ein Fenster öffnen für ein breiteres Verständnis seines Werks, das nicht überlagert ist von seiner Etikettierung als Impressionist». Tutus sind natürlich auch viele in Karlsruhe zu sehen. Schließlich machten die Degas zum damals teuersten gehandelten zeitgenössischen Künstler. Doch Kurator Eiling will sie ins rechte Licht rücken: «Pferde und Tänzerinnen sind für Degas Ausdruck eines ständig an sich arbeitenden, sehr kontrollierten Wesens, was auch seiner eigenen Arbeitsweise entspricht.» So wie der Künstler stetig an seinen Kompositionen feilte, üben Tänzerinnen immer wieder jede Pose - auch wenn am Ende das Ergebnis leicht und luftig erscheint.