«Der böse, asoziale Baal» in München

«Eine Geschichte, die man versteht, ist nur schlecht erzählt», sagt Schauspielerin Bibiana Beglau irgendwann gegen Ende und zitiert damit Regisseur Frank Castorf. Und wer das verinnerlicht, der kann derzeit am Residenztheater in München durchaus Spaß haben.

«Der böse, asoziale Baal» in München
Matthias Horn «Der böse, asoziale Baal» in München

Castorf hat dort einen grotesken «Baal» auf die Bühne gebracht. Für seine völlig überbordende Inszenierung von Bertolt Brechts frühem Drama gibt es bei der Premiere am Donnerstagabend minutenlangen Applaus - zumindest von den Zuschauern, die noch da waren. «Sie müssen hier mindestens sieben Stunden aushalten», sagt Castorfs Baal (Aurel Manthei) irgendwann am Anfang. Am Ende sind es zwar nur viereinhalb, aber nach der Pause kehren längst nicht alle Zuschauer auf ihre Plätze zurück.

Sie verpassen den zweiten Teil eines assoziativen Rausches, in dem Castorf die Geschichte des dichtenden, herumhurenden Widerlings, des «bösen, asozialen Baal», vor die Kulisse diverser Kriege in Fernost verlegt. Seine Themen sind der Korea-, der französische Indochina- und der Vietnam-Krieg. Die kluge Kernidee von Castorfs «Baal» ist das Reduzieren des Menschen auf das Fleisch.

Um eine kontinuierliche Erzählung schert Castorf sich (wie immer) nicht - und seine Inszenierung ist mindestens zwei Stunden zu lang. Unterhaltsam ist sie trotzdem. Das liegt vor allem an dem umwerfenden Bühnenbild von Aleksandar Denic, der sein Markenzeichen - eine beeindruckende Drehbühne mit Videoleinwänden - mit einer Art asiatischem Tempel und einem Kriegshubschrauber mit «Playboy»-Logo zur Perfektion treibt.

Es sind heftige Bilder, die da auf der Bühne entstehen. Auf Sex mit einem Schweinekadaver folgen Vergewaltigungsszenen, darauf eine blutige Filmepisode, in der Sophie (Andrea Wenzl) den erwachsenen, nackten und blutverschmierten Baal in einem Wald gebärt. Nackte Haut gibt es ohnehin oft und viel. «Ausziehen ist immer gut», sagt Castorfs Baal.

Immer wieder fallen die Schauspieler aus ihren Rollen, brechen sie ironisch und wenden sich direkt ans Publikum. Brecht selbst, der den Begriff des «Epischen Theaters» mit Distanz vom dramatischen Geschehen auf der Bühne prägte, hätte daran möglicherweise seine Freude gehabt. «Das kenne ich aus "Faust"», sagt Beglau (Rolle: Isabelle, die Höllengemahlin) zum Beispiel, die derzeit am «Resi» auch den Mephisto spielt und ebenso wie Manthei und Wenzl vom Publikum begeistert gefeiert wird.

Sie geben dem Publikum auch noch eine ganz besondere Botschaft mit auf den Weg, die - wie so vieles in diesen Tagen nach dem Terror in Frankreich - in einem ganz besonderen Licht erscheint: «Frankreich war einst der Name eines Landes - passen wir auf, dass es nicht der Name einer Neurose wird.»