Der Chef weint mit: Härle schwimmt zum Olympia-Ticket

Nach dem erfüllten Olympia-Traum weinte Isabelle Härle voll Rührung und Erleichterung in den Armen ihres Freundes Hendrik Feldwehr.

Der Chef weint mit: Härle schwimmt zum Olympia-Ticket
Martin Schutt Der Chef weint mit: Härle schwimmt zum Olympia-Ticket

Als Siebte kletterte die Freiwasserschwimmern beim Ausscheidungsrennen um die Rio-Tickets nach knapp zwei Stunden aus dem Wasser, hüpfte ein paar Mal Auf und Ab - und rannte dann zu ihrem Liebsten, Brustschwimmer Feldwehr. «Gott sei Dank, es hat sich alles gelohnt. Meine Familie sehe ich nicht oft, meine Freunde vernachlässige ich. Das entschädigt», schilderte die ergriffene 27-Jährige. «Geile Sache!»

Auch die Trainer waren am Dienstag in Kasan bewegt. «Jetzt muss ich mitheulen», gestand Gratulant Henning Lambertz, aktueller Chef-Bundestrainer und früherer Vereinstrainer der Beckenschwimmerin. Im Jahr 2011 war Härle das Wagnis Freiwasser eingegangen, eine große Liebe ist es auch heute «immer noch nicht». Das wuselige, harte Mit- und Gegeneinander in den unruhigen Gewässern schmecken der Essenerin gar nicht. Dennoch feierte sie als Fünf-Kilometer-Europameisterin oder Team-Weltmeisterin beachtliche Erfolge. Viel mehr ist für sie das Olympia-Ticket wert, das sie im Becken nie erreicht hatte. Rekordweltmeister Thomas Lurz gratulierte aus der Heimat.

Team-Weltmeisterin Härle vergoss aber nicht nur Freudentränen, sondern musste mit feuchten Augen auch schlucken, als sie an die auf Platz 23. gescheiterte Angela Maurer dachte. «Das tut mir richtig leid für sie, ich hätte es ihr echt gegönnt», sagte Härle und streichelte der zweimaligen Weltmeisterin nach dem verpassten Top-Ten-Rang tröstend über den Kopf. «Mutti», wie Härle die 40-jährige Maurer liebevoll nennt, will sich nun mit einer Medaille über die 25 Kilometer am Wochenende aus Kasan verabschieden - es könnte ihr letztes WM-Rennen sein.

«Ich war schon zweimal bei Olympia und wusste, dass meine Chance minimal sein würde bei so einem starken Teilnehmerfeld», erklärte die gefasste Maurer und freute sich «unheimlich» mit ihrem «Schäfchen». «Ich hatte wunderbare Jahre in meinen Sport und habe fast 20 Jahre so viele Erfolge gefeiert. Ich würde das heute nicht als Niederlage sehen.» Siegerin im Zehn-Kilometer-Rennen wurde nach 1:58:04,3 Stunden die Französin Aurelie Muller vor Europameisterin Sharon van Rouwendahl (Niederlande) und der Brasilianerin Ana Marcela Cunha.

«Ich bin riesenstolz auf Isi, für Angie tut's mir natürlich leid», erklärte Freiwasser-Bundestrainer Stefan Lurz. Insgesamt war er nicht ganz zufrieden, weil nach zwei Medaillen über die fünf Kilometer auf der olympischen Distanz bei Männern und Frauen nur einer von vier möglichen Startplätze raus sprang. «Unser Ziel war zwei bis drei zu machen.» Der Bundestrainer geht aber davon aus, dass sich noch ein deutscher Mann nächstes Jahr im Juni in Portugal einen Platz sichert.

Ausschweifend feiern kann Härle nicht, am Donnerstag geht sie die Titelverteidigung mit dem Team aus ihr Rob Muffels und Christian Reichert an. Und dann wartet in der zweiten Titelkampfwoche noch ihre Ursprungsdisziplin. «Sie ist jetzt wirklich im Freiwasser angekommen und kann hoffentlich Schwung in die Beckenwettbewerbe mitnehmen», erklärte Lambertz.