Der Eiszeit-Mensch: Fast wie du und ich

Anders als die weit vor ihnen lebenden Neandertaler gehören die Eiszeit-Menschen bereits zur Kategorie des Homo Sapiens - des anatomisch modernen Menschen. Wie sie aussahen, ist von Donnerstag an in einer Ausstellung in Bonn zu sehen.

Der Eiszeit-Mensch: Fast wie du und ich
Oliver Berg Der Eiszeit-Mensch: Fast wie du und ich

Überraschung: Die späten Eiszeitmenschen sahen bereits so aus wie du und ich. Das zeigt eine wissenschaftliche Gesichtsrekonstruktion einer 25-jährigen Frau und eines Mannes im Alter von 35-45 Jahren. Beide lebten vor etwa 15 000 Jahren und wurden vor 100 Jahren in einem Doppelgrab entdeckt.

Der breitgesichtige Mann hat eine Hakennase und etwas ausgeprägte Backenknochen, die Frau entspricht nahezu dem heutigen Schönheitsideal mit einer leicht aufwärts gebogenen Himmelfahrtsnase. «Wir haben es beim Aussehen mit modernen Menschen zu tun, sie wären in der U-Bahn nicht als Eiszeit-Menschen zu erkennen», sagte Ausstellungsleiter Lothar Altringer am Mittwoch in Bonn.

Die Schau «Eiszeitjäger - Leben im Paradies. Europa vor 15 000 Jahren» ist bis zum 28. Juni 2015 im Landesmuseum Bonn des Landschaftsverbands Rheinland zu sehen. Sie bietet einen detaillierten Blick auf das Leben der späten Eiszeit-Menschen, insbesondere in der Bonner Region.

Das Bonner Landesmuseum ist für diese Ausstellung nicht nur wegen des nahen Grabfundes prädestiniert, es hat laut Altringer auch «eine der bedeutendsten Eiszeit-Sammlungen in Europa». Viele Originalexponate kommen aus eigenem Bestand.

In der Eiszeit gab es bereits keine Mammuts mehr, aber viele wilde Tiere, «die den Menschen gut ernährten», erläuterte Kurator Ralf W. Schmitz. «Im Unterschied zum Neandertaler, dessen Nahrung zu etwa 95 Prozent aus Fleisch bestand, ernährte sich der Eiszeit-Mensch von einer Mischkost, von Fleisch, Pflanzen und Fisch.» In der späten Eiszeit war der Tisch wieder reich gedeckt. Gejagt wurden auf Grassteppen Großwild wie Rentiere und Pferde oder auch Schneehasen und Vögel. Eines der markantesten Tiere war die Saigaantilope mit ihrer voluminösen Nase, die heute nur noch vereinzelt in Zentralasien anzutreffen ist.

Der späte Eiszeit-Mensch habe damals mit weit extremeren Klimaschwankungen zu kämpfen gehabt, als sie heute durch die Erderwärmung drohen, sagte Schmitz. In den Ausläufern der Eiszeit habe es bereits eine üppige Natur und großen Wildbestand gegeben. Vor etwa 16 000 Jahren, nach dem Abklingen einer extremen Kaltphase, hätten sich die ersten Menschen nach Mitteleuropa zurückgewagt.

Die beiden 1914 in einem Steinbruch bei Oberkassel nahe Bonn gefundenen Eiszeit-Menschen, die mit modernen DNA-Analysen näher untersucht wurden, gelten als die zweitältesten anatomisch modernen Menschen Deutschlands. Zu ihren Grabbeigaben gehörten auch ein Haushund und aus Geweih und Knochen gefertigte Kunstobjekte. In den vergangenen Jahren wurde der Fund mit neuen wissenschaftlichen Methoden von einem internationalen Team von 30 Wissenschaftlern wieder verstärkt untersucht.

«Seit der damaligen Zeit ist der Hund der Begleiter des Menschen», erläuterte Schmitz. Die gemeinsame Bestattung habe die Beziehung symbolisiert. Der Hund habe bei der Jagd geholfen und sei auch Wächter gewesen. Aus DNA-Untersuchungen habe sich ergeben, dass der Wolf schon vor mehr als 18 000 Jahren domestiziert wurde, sagte Schmitz.

Die Kleidung der Eiszeit-Menschen bestand aus Leder und Fellen. Auf die Jagd gingen sie mit Pfeil und Bogen. Zu ihren Innovationen gehörte das Nähen, so dass sie wasserdichte Kleidung fabrizieren konnten. Birkenpech diente zur Befestigung von Pfeilspitzen in Holzschäften. Mit allerlei Fertigkeiten war der Eiszeit-Mensch auch ein früher Hobbykünstler.

Die Schau ist keine trockene Forschungsrezeption, sondern als interaktive Familienausstellung angelegt. Im Nachbau eines großen eiszeitlichen Wohnzeltes mit Kochgrube - der Eiszeitmensch war kein Höhlenmensch mehr - hat der Besucher Gelegenheit, sich in Eiszeitmenschen hineinzufühlen.