Der ganz normale Start-up-Wahnsinn? Snapchat lehnt Milliarden ab

Mit drei Milliarden Dollar könnte sich Facebook sieben Flugzeuge des Airbus-Superjumbos A380 kaufen. Oder auf einen Schlag den Sanierungsbedarf der Berliner Hochschulen decken.

Der ganz normale Start-up-Wahnsinn? Snapchat lehnt Milliarden ab
Jens Büttner Der ganz normale Start-up-Wahnsinn? Snapchat lehnt Milliarden ab

Das weltgrößte Online-Netzwerk wollte den atemberaubenden Betrag aber laut Medienberichten für die App Snapchat hinblättern, bei der sich die Fotos nach wenigen Sekunden in Luft auflösen. Und selbst das war den Gründern Evan Spiegel (23) und Bobby Murphy (25) nicht genug.

Das ist der Stoff, aus dem Gründer-Legenden im Silicon Valley gesponnen werden: Drei Milliarden Dollar für eine nicht einmal drei Jahre alte Firma, die sich noch nicht einmal Gedanken über das Geldverdienen gemacht hat. Die beiden Gründer schmissen den Laden bis vor kurzem von einem Bungalow am Strand aus.

Was sie trotzdem zu gewichtigen Gesprächspartnern am Verhandlungstisch macht, sind die Nutzer und das Wachstum. Täglich werden rund 350 Millionen der selbstzerstörenden Schnappschüsse verschickt, erst im Juni waren es noch 200 Millionen. Schon damals sicherte sich Snapchat eine Finanzspritze von 60 Millionen Dollar - genug, um den Betrieb fürs erste auch ohne laufende Einnahmen am Laufen zu halten.

Die für Normalsterbliche unvorstellbaren drei Milliarden Dollar sind inzwischen eine alltägliche Zahl in der kalifornischen Start-Up-Realität. Die jungen Snapchat-Gründer sind nicht etwa größenwahnsinnig, sie sind sich nur sicher, dass mit Glück mehr zu holen ist. Schließlich stehen laut «Wall Street Journal» bereits Investoren Schlange, die mit einem Millionenbetrag zu einer Gesamtbewertung von vier Milliarden Dollar einsteigen wollen.

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg kennt diese Strategie aus eigener Erfahrung: Mit gerade einmal Anfang 20 schlug er eine Milliarde Dollar vom Internet-Urgestein Yahoo aus. Der damalige Yahoo-Chef, Terry Semel, davor eine große Nummer in Hollywood, war schockiert. Heute ist allein der Facebook-Anteil des 29-jährigen Zuckerberg über 30 Milliarden Dollar wert.

Später zog die Schnäppchen-Website Groupon die Taube auf dem Dach einem fetten Spatz in der Hand vor - die schnell wachsende Firma lehnte dem Vernehmen nach sechs Milliarden Dollar von Google ab und setzte stattdessen auf einen Börsengang. Die Rechnung ging hier nicht ganz auf: Groupon ist nach einem Einbruch der Aktie derzeit auch nur knapp sieben Milliarden Dollar wert.

Den Machern der Foto-App Everpix, die für Nutzer Fotos aus verschiedenen Quellen bündelte, müssen die aktuellen Snapchat-Berichte wie blanker Hohn vorkommen. Everpix wurde einst auch als «das nächste große Ding» gehypt, musste jüngst aber schließen, weil es eine Rechnung über 35 000 Dollar für die Datenspeicherung nicht mehr bezahlen konnte. Dabei hatte Everpix sogar 6400 zahlende Kunden und damit im Gegensatz zu Snapchat zumindest schon mal ein Geschäftsmodell. Doch in der verkehrten Welt des Silicon Valley könne das sogar ein Nachteil sein, erklärte Start-up-Blogger Andrew Chen: «Es zeigt, dass die Gründer eventuell zu klein denken, statt die Welt erobern zu wollen.»

Snapchat meisterte unterdessen jüngst eine erste Vertrauenskrise - nach Berichten, die Fotos seien doch nicht so privat wie versprochen. Die oft recht offenherzigen Bilder würden von den Servern gelöscht, sobald der Adressat sie geöffnet habe, versicherte Gründer Spiegel in einem Blogeintrag.

Aber bis dahin müssten sie eben gespeichert werden, um irgendwann ausgeliefert zu werden. In einigen Dutzend Fällen habe Snapchat solche Bilder schon an die Behörden übergeben müssen. Den Zugang zur Software, mit der man sich die ungeöffneten Schnappschüsse verschaffen könne, hätten aber nur die beiden Gründer. Allerdings haben die Nutzer längst herausgefunden, wie sie länger etwas von den selbstauflösenden Bildern haben - man muss einfach nur schnell genug sein und einen Screenshot machen.