Der große Sturm und ein Schlachtfeld aus Schlamm

Jedes Jahr fegt ein Sturm durch die kleine Gemeinde Scheeßel im niedersächsischen Kreis Rotenburg/Wümme. Wo sonst Kühe auf den Feldern grasen, tanzten am Wochenende rund 73 000 Rockfans beim 17. Hurricane-Festival durch den Schlamm.

Der große Sturm und ein Schlachtfeld aus Schlamm
Sebastian Kahnert

In Gummistiefeln und Regenjacken grölten sie zu Billy Talent, wippten zu den HipHop-Beats von Deichkind und bestaunten die fulminante Feuershow der Hardrock-Headliner Rammstein.

Doch der wahre Ausnahmezustand herrscht traditionsgemäß nicht vor der Bühne, sondern auf dem Campingplatz. Tausende Zelte wackeln eng nebeneinander im Wind, aus jeder Himmelsrichtung dröhnt Musik aus kleinen Anlagen. Abiturienten springen in bunten Tierkostümen durch die Gegend, ein tätowierter Rocker bläst Seifenblasen neben seinem Pavillon. Zehn Meter weiter schläft ein Jugendlicher im matschigen Gras seinen Rausch aus, er trägt nur eine Unterhose. Überall liegen Plastiktüten, Konservendosen, Papierfetzen verstreut.

Wenn die Besucher nach drei Tagen die Felder verlassen, hinterlassen sie Berge von Müll - 880 Tonnen Abfall haben die Rockfans vergangenes Jahr in Scheeßel produziert. Die Veranstalter wollen dem Konzertmarathon deshalb einen grünen Anstrich geben, setzen verstärkt auf das Umweltbewusstsein der Gäste. Auf den Zeltplätzen stehen Recyclinginseln, Lotsen helfen bei der Mülltrennung. «Wir versuchen unseren ökologischen Fußabdruck weiter zu verringern», sagt Festivalsprecher Carsten Christians.

Auf einer kleinen Bühne neben dem Zeltplatz stehen zwischen Schlagzeug und Verstärkern dieses Jahr auch vier Heimtrainer. In der Fahrraddisco sollen die Partygänger zum Energiesparen erzogen werden. Max Wulbrand strampelt bereits seit 17 Minuten, der Schweiß verschmiert die bunte Malfarbe auf seinen Backen. «Da wird einem warm», sagt der 18-Jährige. Während er in die Pedale tritt, ruft neben ihm ein Rockfan beim Poetry-Slam ein Gedicht ins Mikro. Wulbrands Muskelkraft versorgt die Anlage mit Strom. Noch drei Minuten muss er durchhalten, dann bekommt er ein kostenloses T-Shirt. «Ich habe Physik-Leistungskurs und glaube nicht, dass ein paar Fahrräder eine ganze Bühne betreiben können», zweifelt er.

Auf dem Bauernmarkt verkaufen Landwirte Obst aus der Region. Dort holen sich Festival-Gäste einen Vitaminschub. «Jetzt sind schon 60 Erdbeerschalen und vier Kisten Äpfel weg», sagt Melanie Wahlers, die an ihrem kleinen Stand Obst verkauft. Die 36-Jährige lebt in der Gemeinde Lauenbrück, wenige Kilometer nordöstlich vom Gelände. Seit 15 Jahren hilft sie mit ihrer Familie beim Hurricane. Früher hat sie hier das ganze Wochenende Müll gesammelt. «Das war heftig», erzählt Wahlers. Umweltschutz interessiere manche Gäste einfach nicht.

«Man grillt sowieso schon den ganzen Tag, da sind frische Sachen aus der Region doch super», findet Evelyn Plapper. Die 28-Jährige steht am Tresen des Obststands und prüft eine Nektarine. Plapper ist das elfte Mal in Folge auf dem Hurricane und kommt jedes Jahr wieder, auch wenn es ihr mittlerweile ein bisschen zu voll und zu schmutzig ist. Seit drei Jahren zeltet sie deshalb im Grüner-Wohnen-Bereich - dort können Besucher etwas sauberer und ruhiger als in den verdreckten Zeltstädten campen. «Da sieht man wenigstens grüne Wiese und nicht nur Kotze und Müll wie in den Favelas», sagt Plapper.

Vollkommen überzeugt vom grünen Festival-Konzept ist sie dennoch nicht: «Recycling ist bei 70 000 Leuten einfach nicht umsetzbar.»