Deutsche Wirtschaft im Höhenflug

Die deutsche Wirtschaft ist in Topform: Trotz weltweiter Risiken sagen die führenden Konjunkturforscher für 2015 und 2016 einen kräftigen Aufschwung voraus.

«Der niedrige Ölpreis lässt den Deutschen mehr Geld für den Konsum, der niedrige Euro schiebt die Exporte an», sagte der Konjunkturchef des Ifo-Instituts, Timo Wollmershäuser, bei der Vorstellung des neuen Frühjahrsgutachtens in Berlin.

Die Institute, die im Herbst noch düster in die Zukunft geschaut hatten, hoben ihre Prognose für das Wachstum im laufenden Jahr von 1,2 auf 2,1 Prozent deutlich an. Weil der Staat bis 2016 voraussichtlich über 50 Milliarden Euro an Überschüssen erwirtschaftet, fordern die Experten jetzt neben dem Schuldenabbau auch Steuersenkungen für Arbeitnehmer.

Im nächsten Jahr soll die deutsche Wirtschaftsleistung um 1,8 Prozent anziehen. Womöglich ist sogar noch weit mehr drin, weil der Absturz der Ölpreise und die Geldschwemme der Notenbanken die Konjunktur stärker als zunächst kalkuliert befeuern könnten. Laut den Forschern gibt es ausnahmsweise einmal ein «Aufwärtsrisiko» - obwohl umgekehrt der Russland-Ukraine-Konflikt, die Nahost-Lage oder das griechische Schuldendrama die gute Stimmung rasch wieder eintrüben könnten.

Die Bundesregierung ist bislang vorsichtiger als die Professoren. Aber schon am kommenden Mittwoch könnte auch Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) die bisherige Schätzung von 1,5 Prozent nach oben korrigieren.

Um die Kaufkraft der Verbraucher weiter zu stärken, wünschen sich die Institute eine rasche Reform der Lohn- und Einkommensteuer. So werden Lohnerhöhungen teils aufgefressen («kalte Progression») sowie Verdiener mit kleinem und mittlerem Einkommen im Vergleich zu höheren Einkommen proportional höher belastet («Mittelstandsbauch»). Derzeit ist die «kalte Progression» wegen des geringen Preisauftriebs aber kein Problem.

«Aus unserer Sicht ist der Zeitpunkt für eine solche Reform besser denn je», meinte Wollmershäuser. Die Koalition hat eine steuerliche Entlastung der Bürger ab 2017 in Aussicht gestellt, will finanzielle Spielräume zunächst aber mit einem 15-Milliarden-Investitionspaket mit Hilfen für klamme Kommunen ausnutzen.

Dem Steuerzahlerbund reicht das nicht: «Die gute Konjunktur bietet jetzt die besten Chancen, um die Baustellen im Einkommensteuerrecht endlich anzupacken», verlangte Präsident Reiner Holznagel.

Der Arbeitsmarkt eilt weiter von Rekord zu Rekord - obwohl der von Schwarz-Rot zum Jahresbeginn eingeführte Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde nach Ansicht der Institute bis zu 220 000 Minijobs vernichten könnte, besonders in Ostdeutschland.

Die Gewerkschaften halten dagegen, frühere Horrorvisionen der Ökonomen hätten sich nicht bestätigt: «Der Mindestlohn und die Erhöhung der Tarifentgelte haben erheblich zur Steigerung der Kaufkraft beitragen. Herzlich willkommen in der Wirklichkeit!», meinte DGB-Vorstand Stefan Körzell.

Die Arbeitslosenquote soll laut dem Gutachten von 6,7 Prozent (2014) auf 6,3 Prozent und 2016 dann auf 5,9 Prozent sinken. Bald dürften über 43 Millionen Deutsche erwerbstätig sein - das gab es in der Nachkriegszeit noch nie.