Deutscher Ansturm auf den Oscar

Am Anzug von Wim Wenders glänzt schon etwas Gold. Frisch von der Berlinale, wo der deutsche Regisseur den Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk erhielt, steckt ein kleiner Bär am Revers.

Deutscher Ansturm auf den Oscar
Jimmy Morris Deutscher Ansturm auf den Oscar

«Der Ehrenbär muss bei den Oscars dabei sein, denn wenn die beiden sich jemals treffen sollten, müssen sie sich gleich verstehen», witzelte Wenders, nur Stunden vor dem großen Trophäenspektakel. Beim traditionellen Empfang für die deutschen Oscar-Anwärter in der Villa Aurora in Pacific Palisades ging es am Samstagmittag ganz locker zu.

Von Konkurrenzkampf keine Spur. Wenders und seine Berliner Nachbarin, die amerikanische Regisseurin Laura Poitras, kennen und schätzen sich. Ihre beiden Filme - Wenders' «Das Salz der Erde» über den brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado und Poitras' «Citizenfour» über den Whistleblower Edward Snowden - kämpfen in dieser Saison um die Doku-Trophäen. Beide Filme wurden in Berlin produziert. Kurz vor den Ocars holte Wenders in Paris den César und Poitras in Los Angeles den Independent Spirit Award.

«Diesmal ist es ein großes Vergnügen, nominiert zu sein, weil wirklich alle fünf Filme toll sind», meint Wenders. Da hätte er nichts dagegen, zu verlieren. Es ist sein dritter Run auf den Oscar, nach «Pina» und «Buena Vista Social Club».

«Citizenfour» über Snowdens Enthüllungen einer massiven Überwachung durch die US-Geheimdienste gilt auch wegen seiner politischen Brisanz als ein Oscar-Anwärter. Die NDR-Redakteurin Barbara Biemann arbeitete an dem Projekt mit. «Das war eine irre Geheimhaltung und eine irre Vorsicht bei der Produktion.» Ein Oscar für den Film wäre ein «starkes Statement», meint Biemann. «Denn man darf nicht vergessen, dass viele Amerikaner Edward Snowden für einen Verräter halten. Wenn die Akademie diesen Film auszeichnet, würde sie ein deutliches Zeichen setzen.»

Auch die Babelsberger Studio-Chefs Christoph Fisser und Carl Woebcken fieberten in Hollywood den Oscars entgegen. Der von ihnen produzierte Oscar-Favorit «Grand Budapest Hotel» hat gleich neun Gewinnchancen. «Der Film ist komplett in Deutschland umgesetzt worden. Wes Anderson ist zwar ein amerikanischer Regisseur, aber es ist ein sehr europäischer Film», sagt Fisser.

Die Oscar-Party mit Pazifikblick im Garten der Aurora-Villa, wo einst der Schriftsteller Lion Feuchtwanger wohnte, lockte deutsche Promis an, ob Ex-Model Uschi Obermaier oder Designer Wolfgang Joop. Die Schauspielerin Tilda Swinton aus «Grand Budapest Hotel» ist seine Stil-Favoritin auf dem roten Teppich.

Für die Modetrends in Hollywood hatte Joop aber nur vernichtende Worte: Es gebe viel Glitter, «viele Schleppen, viel Dekolleté. Irgendwie eingeschnürt. Am liebsten wird signalisiert, dass man keine Unterwäsche trägt», frotzelte der 70-jährige Modemacher. Das finde er alles «ein bisschen grotesk».

Wim Wenders schlägt sich kurz vor dem Gipfeltreffen der Stars nicht mehr mit modischen Problemen herum. «Ich habe nur einen Smoking dabei», sagt der Regisseur. Und am Revers soll der kleine Ehrenbär stecken. Jetzt bleibt nur noch abzuwarten, ob sich Bär und Oscar treffen.