Die große Sensation: Nordiren feiern EM-Premiere

In Nordirland ist alles etwas kleiner - selbst wenn eine sportliche Sensation wie das erstmalige Erreichen einer Fußball-EM gefeiert wird.

Die große Sensation: Nordiren feiern EM-Premiere
Andrew Paton Die große Sensation: Nordiren feiern EM-Premiere

Das Stadion in Belfast: Es fasste an diesem historischen Abend nicht einmal 12 000 Zuschauer. Die Prominenz auf der Tribüne: Sie bestand nur aus dem Weltklasse-Golfer Rory McIlroy mit einem grün-weißen Fanschal um den Hals. Auf dem Platz aber, da tobte nach dem entscheidenden 3:1 (1:0)-Sieg gegen Griechenland der Bär. Die Spieler warfen ihren Trainer Michael O'Neill durch die Luft. Und der 46-Jährige gestand hinterher ganz von diversen Bierduschen durchnässt: «Wie wir das geschafft haben? Ich weiß es wirklich nicht. Die Spieler waren großartig!»

Nach den WM-Teilnahmen 1986, 1982 und 1958 fahren die Nordiren im nächsten Jahr zum ersten Mal zu einer Europameisterschaft. Verglichen mit der bereits feststehenden Qualifikation der Isländer oder der kurz bevorstehenden Qualifikation des Nachbarn aus Wales ist das eine sportlich noch viel größere Überraschung. Denn der kleinste Teil des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Nordirland hat nur rund 1,8 Millionen Einwohner. Und im Gegensatz zu seinen Kollegen in Island und Wales kann Michael O'Neill 2016 in Frankreich auch keinen einzigen Spieler aufs Feld schicken, der sich in irgendeiner Liga Europas schon einen größeren Namen gemacht hätte.

Der beste Stürmer Kyle Lafferty sitzt bei seinem Verein Norwich City meist nur auf der Tribüne. Einer der Torschützen gegen Griechenland, Josh Magennis, stand bis zur U17 noch im Tor der nordirischen Auswahlteams. «Ich bin sehr stolz, hier als ihr Trainer zu stehen», sagte O'Neill. «Diese Spieler verdienen jedes Vertrauen. Sie haben das Potenzial dieses Teams und des gesamten nordirischen Fußballs gezeigt. Die Vorbereitung auf Frankreich beginnt genau jetzt.» Sogar der britische Premierminister David Cameron twitterte: «Riesen Gratulation an Nordirland zur ersten Qualifikation für eine EM.»

Es ist ja nicht so, dass die «Green and White Army» noch nie etwas erreicht hätte in der Geschichte des Fußball. Sie hat unter anderem George Best hervorgebracht, eine der größten Legenden, die je das Trikot von Manchester United trug. Und sie wurde auch besonders gern von deutschen Mannschaften unterschätzt. 1958, bei seiner ersten WM-Teilnahme, schaffte Nordirland ein 2:2 gegen den damaligen Titelverteidiger. In der Qualifikation zur EM 1984 verloren Karl-Heinz Rummenigge, Rudi Völler und Co. sogar zweimal mit 0:1. In der Ausscheidungsrunde zur WM 2018 in Russland werden sich Deutschland und Nordirland erneut begegnen. Spätestens seit Mittwochabend ist der Weltmeister gewarnt.

Die aktuelle Mannschaft Nordirlands ist keine «goldene Generation», dieser Beiname ist auf ewig mit den WM-Fahrern von 1982 und 1986 verknüpft. «Ich sehe unsere Länderspiele seit 15 Jahren als Co-Kommentator der BBC. Aber ich hätte nie für möglich gehalten, dass wir uns jemals wieder für ein großes Turnier qualifizieren», sagte John O'Neill, einer der Helden von damals.

Doch die Erben von George Best und der Torwart-Legende Pat Jennings bekamen in den vergangenen Monaten das, was im Sport und auch im sonstigen Leben «Flow» genannt wird. Sie gewannen die ersten drei Spiele einer nur sehr schwachen Qualifikationsgruppe - und ließen sich danach von diesem Erfolg tragen. «Wenn du genug Selbstvertrauen und einen Teamspirit wie diese Mannschaft hast, dann glaubst du irgendwann, dass im Fußball alles möglich ist», sagte ihr Trainer.