«Die letzten Zeugen» - KZ-Überlebende auf Theaterfestival

Als die Schauspielerin Mavie Hörbiger am Ende einen bunten Schal über den leeren Stuhl legt und Ceija Stojka per Video ein Lied singt, ist es für einen Moment andächtig still im Hamburger Schauspielhaus. Dann stehen die Zuschauer auf und spenden den sechs Holocaust-Überlebenden auf der Bühne minutenlangen Beifall.

Sie haben am Sonntag einen außergewöhnlichen und tief erschütternden Theaterabend erlebt, der das Hamburger Theaterfestival eröffnete: «Die letzten Zeugen» vom Wiener Burgtheater, inszeniert von Regisseur Matthias Hartmann und dem Historiker Doron Rabinovici. Die siebte Zeitzeugin, Ceija Stojka, konnte bei der Premiere im Oktober 2013 nicht dabei sein. Sie starb am 28. Januar 2013. Ihre Geschichte wird trotzdem erzählt.

Die sechs Überlebenden im Alter von 80 bis 101 Jahren - Lucia Heilman, Vilma Neuwirth, Suzanne-Lucienne Rabinovici, Marko Feingold, Rudolf Gelbard und Ari Rath - sitzen schweigend hinter transparenten Vorhängen auf einer kaum beleuchteten Bühne. Vier Schauspieler - Mavie Hörbiger, Dörte Lyssewski, Peter Knaack und Daniel Sträßer - die im Vordergrund an einem Pult stehen, tragen ihre Texte von Angst, Vertreibung und dem Grauen im Konzentrationslager vor, während Großaufnahmen der Zeitzeugen und historische Fotos auf die Vorhänge projiziert werden. Eine Frau schreibt die vorgelesenen Texte simultan auf eine lange weiße Papierrolle. Im Laufe des Abends tritt jeder Zeitzeuge einmal nach vorne und spricht persönlich zum Publikum.

«Mit dem 11. März 1938 bricht etwas zusammen. Als hätten die Menschen auf ein Kommando hin die Fesseln der Zivilisation abgestreift, beginnen sie ihre jüdischen Mitbürger zu drangsalieren», berichtet Ari Rath, wie er damals den sogenannten Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich erlebte. Jüdische Kinder dürfen nicht mehr in die Schule gehen, Lucia Heilman erzählt, wie ihre Freundinnen sie beschimpfen und sie auch nicht mehr im Park spielen kann, weil auf jeder Bank das Schild «Nur für Arier» prangt. Das dies nur der Anfang von viel schrecklicheren Ereignissen ist, wissen die Kinder noch nicht. Ari Rath gehört zu den wenigen, die nach Palästina auswandern konnten, Lucia Heilman überlebte in einem Versteck in Wien und widmet ihren Text dem Mann, der sie und ihre Mutter trotz Todesgefahr beschützte.

Die anderen Zeitzeugen werden in Konzentrationslager gebracht und müssen dort Unmenschliches erleben. Rudolf Gelbard überlebt Theresienstadt nur, weil er und sein Vater in für den KZ-Betrieb wichtigen Abteilungen arbeiten. Ceija Stojka, die aus einer Roma-Familie stammt, muss mitansehen, wie ihr siebenjähriger Bruder im KZ Auschwitz an Typhus stirbt («Wir durften nicht mal um ihn weinen»). Suzanne-Lucienne Rabinovici erzählt, wie ein Vater das eigene Baby erstickt, damit es nicht mit seinem Schreien die SS auf die Menschen in einem Ghetto-Versteck in Wilna aufmerksam macht. Obwohl sie erst elf Jahre ist, gelingt es ihrer Mutter, sie bei der Selektion ins KZ auf die Seite der «Arbeitsfähigen» zu schleusen.

Marko Feingold, der im KZ Neuengamme bei Hamburg auf ein Körpergewicht von 35 Kilogramm abmagerte, spürt «heute noch den Schmerz von damals». Wie die meisten anderen appelliert er in seinem Schlusswort und den anschließenden Publikumsgesprächen an die Zuschauer, das Vergangene nicht zu vergessen. «Ich war gestern den ganzen Tag in der Gedenkstätte Neuengamme. Die Bevölkerung soll sich das mal in Ruhe anschauen. Denn so war das Konzentrationslager wirklich.» Und Rudolf Gelbard erinnert sich an die Mahnung: «Das darfst Du nie vergessen, Rudi. Solltest Du überleben, musst Du dafür kämpfen, dass das nie wieder passiert.»