Die Ruhe nach dem Feuer: Flüchtlingsalltag in Tröglitz

Fünf Monate schon ragen die schwarz verkohlten Dachbalken in den Himmel über Tröglitz. Eingerüstet, aber leer steht das Mehrfamilienhaus an der Ernst-Thälmann-Straße in der Septembersonne. Ein Zuhause für 40 Flüchtlinge sollte es werden.

Die Ruhe nach dem Feuer: Flüchtlingsalltag in Tröglitz
Hendrik Schmidt Die Ruhe nach dem Feuer: Flüchtlingsalltag in Tröglitz

Doch ein Brandanschlag am Ostersamstag dieses Jahres veränderte alles, für den Ort im Süden Sachsen-Anhalts, für die Asylpläne. Und für den inzwischen bekanntesten Tröglitzer: den ehemaligen Bürgermeister Markus Nierth.

Monatelang kämpfte er für eine freundliche Aufnahme der Flüchtlinge. Er trat nach NPD-geführten Protesten, die vor seiner Haustür verlaufen sollten, zwar als ehrenamtlicher Bürgermeister des Ortes zurück. Doch er trotzte allen folgenden Bedrohungen und Anfeindungen und trat weiter laut und sichtbar für Flüchtlinge ein. Auch und gerade nach dem Brandanschlag.

Unter besonderer öffentlicher Beobachtung kamen Mitte Juni zunächst 9 statt 40 Asylbewerber. Die erste Bewährungsprobe für den Ort begann. «Die Flüchtlinge wurden in Tröglitz gut aufgenommen», sagt Nierth drei Monate nach dem Einzug der Neuankömmlinge. Sie würden freundlich gegrüßt, offene Anfeindungen seien die Ausnahme. Die Nachbarskinder würden mit den drei Kindern der drei Flüchtlingsfamilien spielen. Deren Ältester, ein Elfjähriger aus Afghanistan, geht seit wenigen Wochen ganz regulär in die Schule.

Nierth beobachtet das alles aus nächster Nähe. Denn der 46-Jährige, seine Frau Susanna und ihre Töchter im Teenager-Alter kümmern sich als Paten um die Neu-Tröglitzer. Drei bis sechs Stunden am Tag seien sie bei ihnen, sagt Nierth. Hilfe bei alltäglichen Besorgungen und Behördengängen, gemeinsames Teetrinken und Abendessen.

Nierth wirkt entspannter als in den vergangenen Monaten. Anfangs seien angesichts der Vorgeschichte in Tröglitz Vorsicht und Sorge ständige Begleiter der Paten gewesen, sagt er. Und eine gewisse Unruhe kommt auch immer wieder zurück, zuletzt vor dem ersten Schultag des Elfjährigen. «Aber dann kam er wieder nach Hause und sagte mir: Alles gut, Markus, alles Freund.»

Der Junge sei ein helles Köpfchen, lerne besonders schnell. Doch auch die anderen Neu-Tröglitzer paukten fleißig Deutsch. Mit der Presse reden wollen sie derzeit nicht. Das Deutsch soll besser werden, und es soll noch etwas mehr Ruhe einziehen.

«Ein bisschen Alltag ist schon eingekehrt», sagt der zuständige Landrat des Burgenlandkreises, Götz Ulrich. «Die Integration der neun Flüchtlinge vor Ort läuft absolut vorbildlich.» Jetzt will Ulrich dem stets wiederholten Ursprungsziel näher kommen, insgesamt 40 Flüchtlinge in Tröglitz unterzubringen. Zwei weitere Wohnungen werden vorbereitet. Im Oktober sollen zwei Familien, sechs oder sieben Menschen, dort einziehen.

Schrittweise solle die Zahl erhöht werden, sagt Ulrich. Er bleibt vorsichtig. Zudem müssten immer wieder Vermieter überzeugt werden. Mit der Brandruine in der Thälmann-Straße plant der Landrat nicht mehr. «Wir haben den Eigentümer so oft angeschrieben, ohne Ergebnisse», sagt er. Ob und wann das Haus saniert wird - keine Rückmeldung. Und wer hinter dem Brandanschlag steckt, ist ebenfalls unklar. Noch suchen die Ermittler nach den Tätern, vermuten ihn oder sie in der Region. Wer es ist, wissen sie jedoch noch nicht.

«Für uns bleibt es eine schwere Zeit», sagt Markus Nierth. Es gebe bis heute vereinzelt offene Ablehnung und Anfeindungen auf der Straße. Zudem müssten er und seine Frau mit Absagen von Aufträgen leben. «Einige haben sich bei der Tanzschule meiner Frau abgemeldet, und auch ich habe einige Aufträge als Trauerredner verloren.» Ob das so bleibe, sei ungewiss.

Die aktuellen Entwicklungen bei der Asylpolitik sieht er mit Sorge. «Ich spüre, dass wir bei der wichtigen Planung für eine gute Integration der Flüchtlinge hinterher sind», sagt er - und meint Deutschland insgesamt. Der Staat müsse schneller reagieren, das Ehrenamt stärken. Paten als direkte Ansprechpartner sind aus seiner Sicht der beste Weg, doch sie bräuchten Anerkennung, Schulung, Unterstützung: «Die Paten und das Ehrenamt könnten uns in der aktuellen Situation mit einer großen Zahl neuer Flüchtlinge retten.»