Die schwierigste Prüfung für Musterschülerin Dr. von der Leyen

Die Medizinische Hochschule Hannover hat sich viel Zeit gelassen mit der Doktorarbeit von Ursula von der Leyen.

Die schwierigste Prüfung für Musterschülerin Dr. von der Leyen
Andreas Gebert Die schwierigste Prüfung für Musterschülerin Dr. von der Leyen

Fast ein halbes Jahr dauerte die Prüfung der 62 Seiten mit dem sperrigen Titel: «C-reaktives Protein als diagnostischer Parameter zur Erfassung eines Amnioninfektionssyndroms bei vorzeitigem Blasensprung und therapeutischem Entspannungsbad in der Geburtsvorbereitung».

Die Internet-Plattform «VroniPlag» hatte auf 27 Seiten Textstellen gefunden, die aus fremder wissenschaftlicher Feder stammen sollen und nicht als Zitat gekennzeichnet wurden. Am Mittwochabend wollte der Senat der Hochschule seine Sicht der Dinge darlegen und entscheiden, wie er damit umgeht. Stellt er einen Verstoß gegen die Grundsätze guten wissenschaftlichen Arbeitens fest, kommen als Sanktionen der Entzug des Doktortitels oder eine Rüge in Frage.

Beides würde einen Makel für die ehrgeizige Politikerin bedeuten, die schon immer als Musterschülerin galt. Ihr Abitur hat sie mit einem Notendurchschnitt von 0,7 absolviert. Dann folgten das Medizinstudium mit Doktortitel und schließlich die Karriere in der Politik, die sie trotz ihrer Verpflichtungen als Mutter von sieben Kindern zielgerichtet durchzog. Von der niedersächsischen Landesregierung über die Bundesministerien für Arbeit und Familie brachte sie es bis zur Oberbefehlshaberin von rund 180 000 Soldaten.

Bei einem Entzug des Doktortitels steht die politische Karriere der 58-Jährigen auf dem Spiel. Vor ihr haben drei Spitzenpolitiker Konsequenzen aus dem Verlust des Doktortitels gezogen und sind zurückgetreten. Der erste war Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) vor ziemlich genau fünf Jahren. Es gibt umgekehrt auf Bundesebene keinen Spitzenpolitiker, der nach Entzug des Doktortitels im Amt blieb.

Von der Leyen könnte aber die erste sein. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stärkte ihr am Mittwoch über ihren Regierungssprecher Steffen Seibert vorsorglich den Rücken. Auf die Frage, ob die Ministerin auch ohne Doktortitel noch das Vertrauen der Kanzlerin habe, sagte er: «Selbstverständlich. Die Ministerin ist eine hervorragende Verteidigungsministerin, was man gerade in diesen Tagen wieder beim Zustandekommen der Nato-Aktivitäten in der Ägäis gesehen hat.»

Das hört sich sehr stark danach an, dass sie im Amt bleiben soll - so oder so. Gegen einen Rücktritt spricht die dünne Personaldecke der CDU für Spitzenposten. Von der Leyen wurde in den vergangenen beiden Jahren an erster oder zweiter Stelle genannt, wenn es um die Nachfolge von Kanzlerin Merkel ging. Zudem dürfte die CDU-Chefin Merkel kaum ein Interesse daran haben, angesichts der massiven Verluste ihrer Partei in den Umfragen wegen der Flüchtlingskrise eine weitere Baustelle aufzumachen.

Andererseits wird von der Leyen schon bei einer Rüge der Hochschule ein Problem mit ihrer Vorbildfunktion bekommen. Für einen Soldaten kann mangelnde Sorgfalt im schlimmsten Fall tödlich sein. Außerdem ist von der Leyen auch für die Universitäten der Bundeswehr zuständig.

Die Ministerin wird von der Entscheidung über ihren Doktortitel in den USA erfahren. Journalisten hat sie auf die dreitägige Reise nicht mitgenommen, was extrem ungewöhnlich ist. Auf ihrem Reiseprogramm stand am Mittwochabend ausgerechnet ein Termin an der Elite-Universität im kalifornischen Stanford, in der Nähe von San Francisco.

Dort hat sie von 1992 bis 1996 gelebt und 1993 als Gasthörerin Veranstaltungen an der medizinischen Fakultät besucht. Die Zeit in Stanford ist ihr bis heute so wichtig, dass sich dazu drei Einträge in ihrem offiziellen Lebenslauf finden.

Damals hatte von der Leyen gerade ihren Doktortitel erlangt. In der Einladung des Europa-Zentrums der Uni Stanford zu ihrem sicherheitspolitischen Vortrag ist der akademische Grad auch ausdrücklich erwähnt. Ob sie den noch hat, wenn sie aus Stanford zurückkehrt, wird in Hannover entschieden.