Die Wahl nach dem Attentat: Köln wählt Oberbürgermeister

Trotz des vermutlich fremdenfeindlich motivierten Attentats auf die parteilose Kandidatin Henriette Reker wählen die Kölner heute ihren neuen Oberbürgermeister.

Die Wahl nach dem Attentat: Köln wählt Oberbürgermeister
Oliver Berg Die Wahl nach dem Attentat: Köln wählt Oberbürgermeister

Um 8.00 Uhr öffneten die Wahllokale in der viertgrößten Stadt Deutschlands. 812 000 Wahlberechtigten sind aufgerufen, ihre Stimmen abzugeben. Reker, die als aussichtsreiche Kandidatin gilt, war gestern bei einer Wahlkampfveranstaltung von einem 44-Jährigen niedergestochen worden. Nach einer Notoperation war sie nach Angaben ihrer Ärzte am Abend außer Lebensgefahr. «Wir halten zum jetzigen Stand und bei normalem Verlauf die vollständige Wiederherstellung der Gesundheit von Frau Reker für wahrscheinlich», sagte Klinikdirektor Karl-Bernd Hüttenbrink.

Das Attentat hat das spannende Duell um den Chefsessel im Kölner Rathaus in den Hintergrund treten lassen. Dabei könnte Reker die erste parteilose Oberbürgermeisterin und die erste Frau an der Spitze der Domstadt werden. Neben ihr hat einer Umfrage zufolge noch der SPD-Landtagsabgeordnete Jochen Ott Chancen auf den Wahlsieg.

Der 44-jährige Täter hatte Reker am Samstagmorgen an einem CDU-Wahlkampfstand auf einem Wochenmarkt niedergestochen. Die 58-Jährige wurde nach offiziellen Angaben im Halsbereich schwer verletzt. Der Mann nannte für seine Tat fremdenfeindliche Motive - Reker ist als Kölner Sozialdezernentin für die Unterbringung von Flüchtlingen in der Domstadt zuständig. Neben Reker wurden auch eine Kölner CDU-Politikerin, eine FDP-Ratsfrau und zwei Bürger verletzt.

Kölns scheidender Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) rief zu Standhaftigkeit auf. «Es geht jetzt darum, dass wir uns nicht unterkriegen lassen», sagte Roters der Deutschen Presse-Agentur. Die Diskussion um Flüchtlinge in Deutschland werde heftiger, immer häufiger würden Asylbewerberheime angegriffen. «Wir müssen alle gemeinschaftlich darauf achten, dass das Klima des Zusammenlebens nicht beschädigt wird», appellierte Roters.

Das Attentat hatte bundesweit Sorge über zunehmende Gewalt in der Diskussion über die Aufnahme von Asylbewerbern in Deutschland ausgelöst. «Dieser feige Anschlag in Köln ist ein weiterer Beleg für die zunehmende Radikalisierung der Flüchtlingsdebatte», sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) am Samstag. Die Spitzen der NRW-Politik hatten sich als Zeichen gegen Gewalt an einer Menschenkette um das Kölner Rathaus beteiligt.

Der SPD-Bundesvorsitzender Sigmar Gabriel warnte in der «Rhein-Zeitung» vor einem Erstarken des rechten Randes in Deutschland. «Das ist schockierend, weil es zeigt, dass in einem Teil der Gesellschaft die Radikalisierung zugenommen hat», sagte er. «Man muss leider sagen, wenn solch eine Stimmung so wächst, dann gibt es Fanatiker, die sich selbst quasi als Vollstrecker des Volkswillens empfinden.»

Die parteilose Reker wird von CDU, Grünen und FDP unterstützt und liegt laut einer jüngsten Umfrage vor ihrem SPD-Konkurrenten Jochen Ott. Sollte keiner der beiden eine absolute Mehrheit erringen, entscheidet am 8. November eine Stichwahl.

Der Politikwissenschaftler Ulrich von Alemann glaubt, dass Reker nach dem Angriff in der Wählergunst noch einmal zulegen kann. «Sie wird wohl einen tragischen Bonus bekommen», sagte der Professor der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität im Westdeutschen Rundfunk. Allerdings sei Reker ohnehin die Favoritin gewesen, so dass die Wahl in ihrem Ausgang wohl nicht entscheidend verfälscht werde.

Eigentlich sollte schon Mitte September in der viertgrößten deutschen Stadt gewählt werden. Die Bezirksregierung hatte aber die Stimmzettel beanstandet, das Votum wurde um fünf Wochen verschoben.