Djokovic im Australian-Open-Finale gegen Murray

Ein Jahr nach dem Start des belächelten Trainer-Experiments mit Boris Becker steht Novak Djokovic vor einem historischen Grand-Slam-Erfolg.

Der Weltranglisten-Erste aus Serbien entschied ein bizarres Halbfinal-Duell mit Vorjahressieger Stan Wawrinka nach 3:30 Stunden mit 7:6 (7:1), 3:6, 6:4, 4:6, 6:0 für sich und könnte als erster Spieler in der Geschichte des Profi-Tennis zum fünften Mal bei den Australian Open in Melbourne triumphieren.

Im Endspiel trifft der 27 Jahre alte Serbe am Sonntag auf den nur eine Woche älteren Olympiasieger Andy Murray aus Schottland. «Wir kennen uns schon sehr lange und haben mit elf oder zwölf Jahren zum ersten Mal gegeneinander gespielt», sagte Djokovic und betonte vor dem 24. Duell mit dem US-Open-Sieger von 2012 und Wimbledon-Champion von 2013: «Ich werde das beste Match im Turnier spielen müssen. Er wird sehr motiviert sein, hier seinen ersten Titel zu holen», sagte Djokovic, als er zehn Minuten nach Mitternacht Ortszeit zur Pressekonferenz erschien. Im direkten Vergleich führt der Australian-Open-Gewinner von 2008, 2011, 2012 und 2013 mit 15:8.

«Es gibt keinen klaren Favoriten. Ich muss mich definitiv steigern», sagte Djokovic, der gegen den 29 Jahre alten Schweizer erst im fünften Satz wie die Nummer eins der Tennis-Welt aufspielte und zuvor seinen prominenten Coach auf der Tribüne immer wieder an den Rande der Verzweiflung trieb. Als Djokovic im letzten Durchgang das Break zum 2:0 gelang, schlug Becker mit der flachen Hand auf die Umrandung der Spielerbox, verzog ansonsten aber keine Miene.

Erst nach einer dreieinhalbstündigen Achterbahnfahrt im Melbourne Park durfte sich der dreimalige Wimbledonsieger und frühere Weltklasse-Profi von seinem Schalensitz erheben und kurz darauf ein knappes «Bravo» im Kurznachrichtendienst Twitter versenden.

«Wir sind beide froh über seine Entwicklung. Wir haben uns beide sehr gut kennengelernt und voneinander profitiert», hatte Becker schon vor dem Halbfinale gesagt. Was anfangs wie ein mittelmäßiger Scherz auf Experten und Beobachter wirkte, hat sich mittlerweile zu einer funktionierenden Liaison entwickelt - auch wenn sich Djokovic gegen Wawrinka einige unerklärliche Schwächephasen erlaubte.

Zeitweise war das Geschehen in der Rod-Laver-Arena mehr Qual als Kunst. 49 unerzwungene Fehler leistete sich der Serbe, sogar 69 der 29 Jahre alte Schweizer. Dabei hatte die Turnierzeitschrift noch mit «Magischen Erinnerungen» getitelt in Anlehnung an die packenden Fünf-Satz-Matches der jüngeren Vergangenheit. Vor einem Jahr verlor Djokovic im Viertelfinale mit 7:9 im fünften Satz. 2013 gewann er im Achtelfinale in der viertlängsten Partie in der Geschichte der Australian Open über 5:02 Stunden mit 12:10. Und auch dieses Mal ging es über die volle Distanz. «Es gab einige Aufs uns Abs», sagte Djokovic. «Ich bin einfach nur froh, durchgekommen zu sein.»