Dopingskandal in Russland: ARD-Doku bis IAAF-Urteil

Die russische Leichtathletik steht seit Monaten am Pranger. Flächendeckendes Doping soll die Erfolge der Sportler erst ermöglicht haben. Skandale ohne Ende, der nationale Verband wurde gesperrt. Am Freitag könnte der Bann bestätigt und damit verlängert werden.

Dopingskandal in Russland: ARD-Doku bis IAAF-Urteil
Yuri Kochetkov Dopingskandal in Russland: ARD-Doku bis IAAF-Urteil

Das Olympia-Aus wäre ein Tiefschlag für den prestigeträchtigen Sport im Riesenreich von Präsident Wladimir Putin. Die Deutsche Presse-Agentur beantwortet die wichtigsten Fragen:

Zahlreiche Belege und Dokumente zum flächendeckenden Doping in Russland sind erstmals am 3. Dezember 2014 in dem ARD- Dokumentarfilm «Geheimsache Doping - Wie Russland seine Sieger macht» öffentlich gemacht worden. Damit wird enthüllt, dass die Erfolge russischer Leichtathleten das Ergebnis von systematischem Doping, Vertuschung von Kontrollen und Korruption waren. Darauf mussten die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA und der Weltverband IAAF reagieren.

Am 9. November 2015 legt die unabhängige WADA-Kommission um Chefermittler Richard Pound (Kanada) ihren ersten Bericht vor, der ein Schreckensbild der Doping-Praktiken in der russischen Leichtathletik zeigt. Ein 323-seitiger Report liefert erdrückende Beweise für den großen Betrug. Am 13. November 2015 suspendiert die IAAF schließlich den Gesamtrussischen Leichtathletik-Verband WFLA.

Im Februar 2015 tritt Russlands Leichtathletik-Chef Balachnitschjow zurück. Die WADA entzieht dem Doping-Kontrolllabor in Moskau am 10. November vorläufig die Akkreditierung. Die Kontrollen russischer Athleten übernimmt die britische Anti-Doping-Behörde. Acht Tage später suspendiert die WADA auch Russlands Anti-Doping-Agentur RUSADA.

In der Tat spielen die zwei russischen Kronzeugen bei den Enthüllungen eine entscheidende Rolle. Ohne das Insider-Wissen von Witali Stepanow und seiner Ehefrau, der Läuferin Julia Stepanowa, wäre die Aufdeckung nicht möglich gewesen. In der ARD-Doku berichten beide über Einzelheiten des Dopingsystems. Das war mutig - und ist gefährlich. Die Stepanows leben seither an einem unbekanntem Ort in den USA. In Russland gelten sie als Verräter.

Abstreiten, ablenken, beschwichtigen: In Russland fühlt man sich zu Unrecht an den Pranger gestellt - und zeigt auf andere Sportnationen. Sprachrohr in Moskau ist der mächtige Sportminister Witali Mutko. Sport und Politik versuchen alles, um den drohenden Olympia-Bann zu verhindern. Trainer und Funktionäre wurden gesperrt, ausgetauscht oder gefeuert. Die Verbandsführung im WFLA wurde im Januar neu gewählt. Experte Peter Nicholson darf im Auftrag der WADA den Wiederaufbau des Anti-Doping-Systems überwachen.

Die 27 Council-Mitglieder der IAAF entscheiden im Grand Hotel über eine historische Frage: Heben sie die Sperre des russischen Verbandes nicht auf, dürfen die Leichtathleten der Sportmacht nicht an den Olympischen Spielen in Rio teilnehmen. Es wäre der erste Bann dieser Art in der rund 120-jährigen Olympia-Geschichte. Möglich ist auch ein Kompromiss, der nachweislich sauberen Sportlern einen Rio-Start einräumt. Auf einer Pressekonferenz wird IAAF-Chef Sebastian Coe die Entscheidung am späten Nachmittag bekanntgeben.

Der betroffene Verband selbst. Der WFLA könnte das Urteil vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne anfechten. «Das schlimmste Szenario ist leider denkbar», hatte Sportminister Witali Mutko eingeräumt. Mit Einzelklagen vor Zivilgerichten hätten russische Athleten kaum Erfolgschancen.

IOC-Präsident Thomas Bach hat in seiner Antwort auf einen Offenen Brief des Deutschen Leichtathletik-Verbandes darauf hingewiesen, dass die Entscheidung über ein Startrecht russischer Leichtathleten bei den Rio-Spielen in der Hand des Weltverbandes IAAF liege. Das IOC habe auf diese Entscheidung keinen Einfluss. Bach sieht das IOC allerdings in einem Dilemma. «Was wir auch tun: Es wird Kritik geben», sagte der IOC-Chef kürzlich in einem «Stern»-Interview.