dpa-Interview: Der künftige ISS-Kommandant Alexander Gerst

Der Astronaut Alexander Gerst wird 2018 der erste deutsche Kommandant der Internationalen Raumstation ISS. Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur spricht er über seine neue Mission und darüber, was Außerirdische von Erdbewohnern halten würden.

dpa-Interview: Der künftige ISS-Kommandant Alexander Gerst
dpa-Interview: Der künftige ISS-Kommandant Alexander Gerst

Frage: Es war ja immer Ihr Traum, noch einmal ins All zu fliegen. Waren Sie erstaunt, dass es jetzt so schnell wieder klappt?

Antwort: Ja, ich war sehr erstaunt. Und dann auch noch als Kommandant der ISS und auf dem Copilotensitz der Sojus-Kapsel - das hätte ich nicht erwartet. Das ist eine tolle Sache für mich und ein großer Vertrauensbeweis unserer internationalen Partner USA und Russland für die ESA.

Frage: Ein Deutscher als Kommandant der ISS - könnte das Probleme geben, zum Beispiel, wenn Sie russischen Kollegen Anweisungen geben?

Antwort: Es gibt nur wenige Situationen, in denen man strikte Anweisungen geben muss. Wir sind Freunde an Bord und kennen uns seit Jahren. Und man geht natürlich auch sensibel um mit unterschiedlichen Kulturen, unterschiedlichen Sichtweisen. Schnelle Entscheidungen sind vom Kommandanten hauptsächlich in einem Notfall gefragt, wenn zum Beispiel ein Feuer ausbricht und die Zeit knapp ist. Solche Situationen werden deshalb oft auf der Erde geübt, ganz bewusst auch mit internationalen Mannschaften.

Frage: Nach Ihrer Rückkehr von der ISS 2014 haben Sie gesagt, das Eindrucksvollste sei für Sie gewesen, dass man aus dem All keine Staatsgrenzen auf der Erde sieht. Kommen Ihnen die Konflikte auf der Welt seitdem noch absurder vor?

Antwort: Ja, das kann man schon so sagen. Es sieht absurd aus von da oben, dass Menschen sich bekriegen. Ich denke, rein hypothetisch, wenn es tatsächlich Leben außerhalb der Erde gibt und die hier vorbeikommen sollten, dann würden sie uns sicher beobachten, bevor sie mit uns Kontakt aufnehmen. Und wenn sie dann sehen, dass wir unsere Rohstoffe vergeuden und den Regenwald roden, der den Sauerstoff erzeugt, den wir atmen - würden sie uns dann wirklich für intelligent halten? Ich befürchte fast, sie würden lieber schnell weiterfliegen.

Frage: Man braucht also einen gewissen Abstand, um zu erkennen, was daheim wirklich wichtig ist?

Antwort: Ich kann mich daran erinnern, als ich zum ersten Mal auf Reisen gegangen bin, bin ich losgefahren mit der Ansicht, dass Deutschland eigentlich kein so schönes Land ist, was Natur angeht. Und erst dadurch, dass ich dann auch andere Länder gesehen habe, habe ich erkannt, wie schön unser eigenes Land ist und dass es hier genauso schöne Sonnenuntergänge gibt wie in Neuseeland oder in Mittelamerika. Und genau das haben wir im Weltraum gelernt. Wenn man einmal diesen Planeten verlässt, wird einem bewusst, wie wichtig er für uns ist und wie sehr wir ihn lieben. Wie sehr wir es zum Beispiel lieben, im Wald spazieren zu gehen, im Meer zu schwimmen oder ganz banal mit Freunden im Park zu grillen - Dinge, die nur auf diesem einen Planeten möglich sind.

ZUR PERSON: Alexander Gerst (40) hat in Karlsruhe Geophysik studiert und forschte an der Universität Hamburg. Auf den Beruf als Astronaut habe er nie gezielt hingearbeitet, sagt er. Die Bewerbung bei der Europäischen Raumfahrtagentur Esa sei «ein Versuch» gewesen. Dort setzte sich der in Künzelsau in Baden-Württemberg geborene Gerst gegen mehr als 8400 Konkurrenten durch. Der Mann mit dem kahlgeschorenen Kopf war 2014 der elfte Deutsche im All.