dpa-Interview: Wie zufällig sind Zufälle?

«Auch der Zufall ist nicht unergründlich - er hat seine Regelmäßigkeit.» Mit diesem Leitspruch hat der Dichter Novalis (1772-1801) einst einen zentralen Wunsch der Wissenschaft zusammengefasst: Das scheinbar Unbegreifliche durch Gesetzmäßigkeiten begreifbar zu machen.

Bei einer Tagung an der Universität Duisburg-Essen diskutieren Mathematiker, Hirnforscher, Philosophen und Neurobiologen über das Phänomen Zufall. Dabei ist unser Leben weniger planbar, als uns lieb ist.

«Zufälle haben eine gewisse Wahrscheinlichkeit einzutreten, die Welt ist von ungewissen Ereignissen völlig durchsetzt», sagte Ulrich Herkenrath der Deutschen Presse-Agentur in einem Interview. Er ist einer der Organisatoren der Tagung.

Frage: «Mein Zug ist schon dreimal hintereinander ausgefallen - immer trifft es mich.» Fürchten wir uns im Alltag vor dem Zufall?

Antwort: Wir nehmen es als völlig normal hin, wenn ein Haus abbrennt. Wenn es aber unser eigenes ist, fühlen wir uns durch den Zufall ungerecht behandelt. Hier spielt die menschliche Urerfahrung eine tragende Rolle. Der Mensch möchte seine Umwelt planbar gestalten. Aber er erfährt, dass seine Pläne immer wieder durchkreuzt werden.

Frage: Haben Zufälle im digitalen Zeitalter zugenommen?

Antwort: Die Menschen sind mobiler geworden, was die Überraschungsmomente erhöht hat, wenn wir anderen beim Reisen nun öfter wiederbegegnen. Auch das Internet hat dazu beigetragen. Die Leute sind heute besser vernetzt. Durch die Informationen im Internet wird der Horizont der Leute erweitert. Dabei stoßen sie fast automatisch auf Zufälle.

Frage: Stehen die Gewinner der nächsten Lottoziehung schon fest, obwohl noch niemand ihre Namen kennt?

Antwort: Das ist eine philosophische Frage. Wenn sie jetzt schon feststehen, dann stehen sie schon seit Anfang der Welt fest und wir leben in einer Welt, in der alles vorbestimmt ist. Wenn sie jetzt noch nicht feststehen, dann leben wir in einer Welt, in der vieles in der Zukunft noch nicht vorherbestimmt, also unbestimmt und somit zufällig ist. Naturwissenschaftlich beweisbar ist keine der beiden Aussagen, da beide auf übernatürlichen Vermutungen basieren. Über die Plausibilität und Sinnhaftigkeit solcher Vermutungen denken die Wissenschaftler beim Symposium nach.

ZUR PERSON: Ulrich Herkenrath ist Professor für Stochastik und Versicherungsmathematik an der Universität Duisburg-Essen.