Drama in Rostock - Volkstheater vor ungewisser Zukunft

Vor dem Rostocker Volkstheater wehen am Mittwoch die Fahnen auf halbmast. Drinnen sind die Mitarbeiter und hören sich an, welche Konsequenzen die fristlose Entlassung von Intendant Sewan Latchinian haben wird.

«Traurig, aber mutig», beschreibt die Theater-Aufsichtsratsvorsitzende Eva-Maria Kröger die Stimmung.

Gleichzeitig fegt ein Sturm der Entrüstung durch die deutsche Theaterlandschaft. «Irreparabler Schaden» ist wohl noch eine vorsichtige Äußerung. Monatelang hatte sich der 54-jährige Vollblut-Theatermann Latchinian wortreich und laut gegen Pläne des Landes Mecklenburg-Vorpommern und der Stadt Rostock zur Verkleinerung des Volkstheaters von vier auf zwei Sparten gewehrt.

Nach seiner Darstellung war er zur Spielzeit 2014/15 unter der Voraussetzung nach Rostock gekommen, dass er genügend Zeit bekommt, das Haus in sicheres Fahrwasser zu steuern. Er krempelte das Volkstheater auf maritim um, die Spielräume hießen Bug oder Heck, die Premiere Stapellauf. Ein Erfolg, wie er stets betonte. Die Menschen in der Hansestadt interessierten sich wieder für ihr Theater.

Doch die Bewährungszeit wurde ihm nicht gegeben: Ende Februar beschloss die Bürgerschaft Strukturänderungen mit dem zentralen Punkt, aus dem Vier- ein Zweispartenhaus zu machen. Hintergrund ist die umstrittene Theaterreform von Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD). Unter dem Sparzwang des Landes sollen beispielsweise auch in Vorpommern vier Theater zum «Staatstheater Nordost» fusionieren.

Latchinian, um ein kräftiges Wort nicht verlegen, wurde zu einem Vorkämpfer gegen die Reform. Er kritisierte weiter die Bürgerschaft. Und Anfang März zieht er in Neustrelitz einen Vergleich zwischen der Theaterpolitik im Nordosten und den Kulturzerstörungen der Terrormiliz Islamischer Staat. «Es war in keinster Weise zu tolerieren, dass er das Handeln von demokratisch gewählten Vertretern mit dem Terrorsystem IS verglich», sagt Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos). Das Vertrauen sei erschüttert und zerstört. Am Dienstagabend wurde der Intendant fristlos entlassen.

Doch so einfach möchten es die deutschen Kulturschaffenden der Stadt nicht machen. Die Intendantengruppe des Deutschen Bühnenvereins fordert Methling auf, die Kündigung zurückzunehmen. Die Äußerungen Latchinians müssten zwar kritisch gesehen werden, dennoch stellten sie keinen ausreichenden Grund für eine Kündigung dar. Methling benutze die Entlassung als Vorwand, um die Strukturen zu schwächen, die Handlungsfähigkeit des Theaters einzuschränken und den Spartenabbau rasch und ohne einen Intendanten durchzuführen.

Die Intendanten sprechen damit wohl den meisten Mitarbeitern des Volkstheaters aus der Seele. «Es geht darum, den Intendanten tot zu machen und das Haus gleich mit», sagt einer von ihnen. Das IS-Zitat sei nur ein Gleichnis, in Berlin etwa sei diese Preisklasse normal.

Die Kritik ficht Methling nicht an. Er verweist auf eine schlechte wirtschaftliche Zwischenbilanz Latchinians. So haben es zwischen September und Februar im Vergleich zum Zeitraum der Spielzeit davor einen Rückgang von 13 Prozent bei den Besuchern und von 7,5 Prozent bei den Einnahmen gegeben.

Genaue Pläne zur Neubesetzung scheint es nicht zu geben. «Der Spielbetrieb geht ganz normal weiter mit den Kräften, die tätig sind», sagt Methling. Allerdings wohl ausgedünnt: Aktuell stehen etwa zehn Stücke auf dem Spielplan, bei denen Latchinian Regie führen oder selbst auf der Bühne stehen sollte.

«Ich kann mir nicht vorstellen, wie es da weitergeht. Mir fehlt die Phantasie», sagt der Präsident der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger, Jörg Löwer. Die Entlassung habe die Bedrohung des Volkstheaters noch einmal verschärft. Völlig ungelöst ist auch die Frage der Nachfolge. «Solche Leute wachsen nicht auf Bäumen.»