Dramatische Nacht in der Türkei: Putschversuch des Militärs

Dramatische Stunden in der Türkei: Nach einem Putschversuch des Militärs haben sich in der Nacht zum Samstag die Ereignisse überschlagen. Es gab Berichte über Tote und Verletzte sowie schwere Explosionen. Die Lage ist völlig unübersichtlich.

Dramatische Nacht in der Türkei: Putschversuch des Militärs
Sedat Suna Dramatische Nacht in der Türkei: Putschversuch des Militärs

Türkische Streitkräfte begannen am späten Freitagabend mit einem Putschversuch gegen den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan - einem wichtigen, aber umstrittenen Partner der Europäischen Union in der Flüchtlingskrise.

Das Militär übernahm nach eigenen Angaben die Kontrolle über das Nato-Land - das Präsidialamt und Regierungsvertreter bestritten dies allerdings. Erdogan rief in einem live übertragenen Telefonanruf beim Sender CNN Türk das Volk zu öffentlichen Versammlungen gegen die Putschisten auf.

In Istanbul waren nach Augenzeugenberichten Schüsse in den Straßen zu hören. Kampfjets flogen im Tiefflug über die Stadt. Gegen 02.40 Uhr Ortszeit (01.40 MESZ) wurde Istanbul von einer schweren Explosion erschüttert. Der Hintergrund war zunächst unklar. Auch Stunden nach Beginn des Putschversuches waren noch Schüsse zu hören.

Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete, bei einem Luftangriff der Putschisten auf das Hauptquartier der Spezialkräfte der Polizei in Ankara seien 17 Polizisten getötet worden. Außerdem sei ein Hubschrauber der Putschisten in Ankara von F-16-Kampfflugzeugen abgeschossen worden.

Ministerpräsident Binali Yildirim sagte, einige Anführer des Putschversuchs seien festgenommen worden. «Die Demokratie wird gewinnen», sagte Yildirim nach Angaben aus dem Präsidentenpalast. Die Verantwortlichen würden bestraft werden.

«Das ist ein Angriff gegen die türkische Demokratie», teilte das Präsidialamt mit. «Eine Gruppe innerhalb der Streitkräfte hat außerhalb der Kommandostruktur einen Versuch unternommen, die demokratisch gewählte Regierung zu stürzen.»

Die türkische Armee sieht sich als Wächterin der weltlichen Verfassung des Landes und hatte in den vergangenen Jahrzehnten wiederholt gegen die Zivilregierung geputscht.

Präsident Erdogan sagte: «Ich rufe unser Volk auf, sich auf den Plätzen und am Flughafen zu versammeln. Sollen sie (die Putschisten) mit ihren Panzern und ihren Kanonen machen, was sie wollen.» Im Istanbuler Stadtteil Tophane zogen Dutzende Gegner des Putsches auf die Straße.

Ein dpa-Reporter berichtete am frühen Samstagmorgen, die Menge habe unter anderem «Gott ist groß» und «Nein zum Putsch» gerufen. Der US-Fernsehsender CNN International und die britische BBC zeigten Live-Bilder aus der Stadt: Menschen strömten in Massen auf die Straße und schwenken türkische Fahnen. Der genaue Aufenthaltsort Erdogans war in der Nacht unklar.

Nach Angaben des Senders CNN Türk kam es in der türkischen Hauptstadt Ankara zu Gefechten zwischen Polizei und Militär. Die Armee habe die Polizeidirektion beschossen, hieß es. Augenzeugen berichteten von Panzern in den Straßen der Hauptstadt.

Aus Präsidialamtskreisen hieß es, Erdogan sei an einem sicheren Ort. Nähere Angaben zum Aufenthaltsort gab es zunächst nicht. Er sei nicht abgesetzt, hieß es weiter. «Der demokratisch gewählte Präsident der Türkei und die Regierung sind an der Macht.» In einem Interview des Senders CNN Türk machte er Anhänger des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen für den Putschversuch verantwortlich.

Das Militär verhängte derweil eine Ausgangssperre im ganzen Land. Die Ausgangssperre diene der Sicherheit der Bürger, hieß es in einer Erklärung, die Putschisten im Staatssender TRT 1 verlesen ließen.

Mit dem Putsch sollten unter anderem die verfassungsmäßige Ordnung, die Demokratie und die Menschenrechte wiederhergestellt werden, teilte das Militär nach Angaben der privaten Nachrichtenagentur DHA mit.

Einem Medienbericht zufolge hatte das Militär den Flugverkehr am Atatürk-Flughafen in Istanbul zwischenzeitlich gestoppt. Soldaten hätten den Tower am größten Flughafen des Landes am Freitagabend unter ihre Kontrolle gebracht, meldete DHA. Nach Erdogans Aufruf drangen Demonstranten auf das Flughafengelände ein, wie die private Nachrichtenagentur DHA meldete. Das Militär sei daraufhin wieder abgezogen.

US-Präsident Barack Obama rief dazu auf, die demokratisch gewählte Regierung des Landes zu unterstützen. Gewalt und Blutvergießen müssten vermieden werden, hieß es in einer Mitteilung des Weißen Hauses am Freitagabend. Obama hatte zuvor mit seinem Außenminister John Kerry telefoniert, der sich derzeit in Moskau aufhält.

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg rief zu Zurückhaltung und Respekt vor den demokratischen Institutionen und der türkischen Verfassung auf. Die Türkei sei ein geschätzter Nato-Verbündeter, sagte Stoltenberg nach einem Telefonat mit dem türkischen Außenminister Mevlüt Cavusoglu am frühen Samstagmorgen.

Die Bundesregierung verlangte die Respektierung der demokratischen Institutionen in der Türkei. «Die demokratische Ordnung in der Türkei muss respektiert werden», hieß es in einer Erklärung von Regierungssprecher Steffen Seibert, die in der Nacht zum Samstag über den Kurznachrichtendienst Twitter verbreitet wurde. «Alles muss getan werden, um Menschenleben zu schützen.»

Das Auswärtige Amt riet allen Deutschen in der Hauptstadt Ankara und in Istanbul zu «äußerster Vorsicht». «Bei unklarer Lage wird geraten, Wohnungen und Hotels im Zweifel nicht zu verlassen», sagte eine Sprecherin in der Nacht zum Samstag in Berlin. Touristen und Geschäftsreisenden wurde empfohlen, Kontakt mit ihrem Reiseveranstalter oder ihrer Fluglinie aufzunehmen.

Mehrere internationale Fluggesellschaften riefen ihre Maschinen zurück oder strichen Flüge. Die Lufthansa sagte vorerst alle Flüge aus der Türkei und in das Land hinein ab. «Wir werden bis morgen Mittag 12 Uhr alle Verbindungen von und in die Türkei streichen», sagte ein Konzernsprecher in der Nacht zu Samstag. Auch die Billigflug-Tochter Eurowings setzte alle Flüge zwischen Deutschland und der Türkei bis auf Weiteres aus. Reiseveranstalter TUI rief einen Krisenstab ein. Kunden, die in den nächsten Stunden in die Türkei fliegen wollten, könnten kostenlos ihre Reise stornieren.