Dreijährige aus Hamburg verblutet - Haftbefehl gegen Eltern

Nach dem Tod der dreijährigen Yagmur aus Hamburg ist gegen ihre Eltern Haftbefehl erlassen worden. Dem 25 Jahre alten Vater werde Totschlag vorgeworfen, sagte ein Polizeisprecher am Abend.

Der Haftbefehl gegen die 26 Jahre alte Mutter lautet auf Körperverletzung mit Todesfolge durch Unterlassen. Das dreijährige Mädchen war nach einem Leberriss innerlich verblutet, ein Notarzt konnte das Kind am Mittwochmorgen nicht wiederbeleben.

Yagmur wurde seit ihrer Geburt von verschiedenen Jugendämtern betreut. Zum Todeszeitpunkt war das Bezirksamt Mitte zuständig - wie einst beim Pflegekind Chantal, das vor knapp zwei Jahren an einer Methadon-Vergiftung starb. Die Opposition fordert vom SPD-Senat rasche Aufklärung.

Die Rechtsmedizin entdeckte zudem Blutergüsse am Körper des Mädchens. Die Mutter sprach bei einer ersten Vernehmung von einem Unfall in der Nacht zum Mittwoch, bei dem ihr Partner nicht zu Hause gewesen sein soll. Der Vater ist wegen Körperverletzung, Diebstahls und Drogendelikten polizeibekannt. Das Mädchen lebte erst seit August dieses Jahres bei seinen leiblichen Eltern. Zuvor war es auf Wunsch der Eltern, die sich überfordert fühlten, in einer Pflegefamilie untergebracht.

Die Grünen und die CDU forderten vom SPD-Senat eine lückenlose Aufklärung des Falls. Am Montag kommt der Familienausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft zu einer Sondersitzung zusammen. Die Grünen beschäftigt vor allem die Frage, warum das Bezirksamt Mitte das Kind wieder in die Obhut der Eltern gab, obwohl es noch laufende Ermittlungen wegen einer ungeklärten Schädelverletzung des Mädchens gab. «Diese Entscheidung erscheint nur sehr schwer nachvollziehbar», kritisierte die Grünen-Abgeordnete Christiane Blömeke.

Yagmur musste Anfang 2013 wegen der schweren Verletzung operiert werden. Sie lebte zu diesem Zeitpunkt noch bei der Pflegefamilie, hatte aber auch Kontakt zu ihren Eltern. «Das Verfahren wurde damals gegen alle Personen geführt, die mit dem Kind zu tun hatten», sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Erst im November wurden die Ermittlungen eingestellt, weil man die Umstände nicht klären konnte.

Der familienpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Christoph de Vries, kündigte an: «Sollte sich der Verdacht bestätigen, dass das Mädchen in Folge von Misshandlungen zu Tode gekommen ist, werden wir, wie im Fall des Mädchens Chantal, die familiäre Vorgeschichte und alle von staatlichen Stellen getroffenen Entscheidungen bis in den letzten Winkel durchleuchten - und zwar ohne Ansehen der Person.»

Das Bezirksamt Hamburg-Mitte war bereits Anfang 2012 wegen des Todes der elfjährigen Chantal unter Druck geraten. Das Mädchen war in der Obhut seiner drogensüchtigen Pflegeeltern an einer Überdosis des Heroin-Ersatzstoffs Methadon gestorben. Chantal hatte unter der Aufsicht des Jugendamts gestanden, dem später zahlreiche Fehler vorgeworfen wurden. Die Hamburger Sozialbehörde zog nach Chantals Tod viele Konsequenzen, um die Arbeit der Jugendämter zu verbessern. Blömeke erklärte, offenbar hätten die Maßnahmen zum Kinderschutz erneut nicht ausgereicht.

Die Sozialbehörde wollte sich vorerst nicht äußern. Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) sei bestürzt, hieß es. Man wolle aber keine vorschnelle Einschätzung abgeben und erst alle Erkenntnisse zusammentragen. Im Bezirksamt Mitte werden derzeit Akten geprüft und Fachpersonal befragt. Der Fall sei sehr komplex, weil mehrere Jugendämter beteiligt gewesen seien, sagte ein Sprecher.

Zur Aufarbeitung der Geschehnisse traf sich Bezirksamtschef Andy Grote (SPD) mit seinen Kollegen Arne Dornquast (Bergedorf) und Torsten Sevecke (Eimsbüttel). Zudem solle die nach Chantals Methadon-Vergiftung eingerichtete Jugendhilfeinspektion in die Untersuchung einbezogen werden. «Der Tod des Mädchens geht uns allen sehr nahe und wir wollen gemeinsam alles daran setzen, den tragischen Fall restlos aufzuklären», erklärte Grote.