Durchweichte Dämme und Helfer im Dauereinsatz

Für Zehntausende Helfer und Bewohner in den Hochwassergebieten startet die zweite Woche der Flut mit Hoffen und Bangen. Viele Dämme sind durchweicht und drohen zu brechen.

Durchweichte Dämme und Helfer im Dauereinsatz
Jens Büttner

Vor allem im Osten Deutschlands bringt die Katastrophe die Menschen an ihre Grenzen. Besonders dramatisch ist die Lage in Sachsen-Anhalt. In Magdeburg stieg der Pegel bis zum Nachmittag auf 7,38 Meter. Er liegt damit mehr als 60 Zentimeter höher als bei der Jahrhundertflut 2002.

Auch in Bitterfeld gilt die Lage weiter als sehr kritisch. Entlang der Elbe und der Saale mussten Tausende Flutopfer ihre Häuser verlassen und sich in Sicherheit bringen. Wo das Wasser im Osten und Süden schon wieder abfließt, bleiben stinkender Schlamm und Sperrmüllberge zurück. Viele Anwohner leben weiterhin in Notquartieren, bei Verwandten oder Freunden.

Politiker werfen unterdessen die Frage auf, wer die erwarteten Milliardenschäden zahlen soll. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) forderte die Solidarität der anderen Bundesländer. «Das ist eine nationale Aufgabe, da müssen die 16 Bundesländer und der Bund zusammenhalten», sagte er der «Mitteldeutschen Zeitung». Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) deutete in der «Passauer Neuen Presse» an, dass die Finanzhilfen für Flutopfer falls nötig aufgestockt würden. Bisher hat der Bund 100 Millionen Euro Soforthilfe zugesagt.

Laut Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) wollen die Ministerpräsidenten darüber am Donnerstag mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprechen. Bayern selbst will 200 Millionen Euro als Rücklage für die Flutopfer verwenden. Großen Hilfsorganisationen zufolge ist die Spendenbereitschaft der Menschen bislang geringer als bei der Jahrhundertflut 2002.

An diesem Sonntag will Bundespräsident Gauck in Hochwasserregion an der Elbe kommen. In Halle ist ein Besuch in einer von der Flut beschädigten Kindertagesstätte geplant, in Meißen will er mit Flutopfern und Helfern sprechen. Auch Merkel hatte die Hochwassergebiete zuvor schon besucht.

Bundesweit stemmen sich weiterhin rund 70 000 Feuerwehrleute und 11 000 Bundeswehrsoldaten gegen die Flut. Mindestens sieben Menschen starben, mehrere werden vermisst. Und in den kommenden Tagen melden Meteorologen schon wieder örtlich Starkregen in der Mitte und im Süden Deutschlands sowie in den Elbe-Einzugsgebiet in Tschechien und Polen.

Die Hochwassersituation im Überblick:

In Sachsen-Anhalt spitzt sich die Lage an Elbe und Saale weiter zu. In Magdeburg ist die Lage nach Einschätzung der Behörden so kritisch wie noch nie. «Die nächsten Tage werden extrem und schwierig», sagte Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD). Er gehe davon aus, dass nicht alle Bereiche geschützt werden könnten. Im Mündungsbereich der Saale in die Elbe forderten die Behörden 3000 Menschen auf, sich in Sicherheit zu bringen, weil ein durchweichter Deich nicht mehr zu halten sei. Die Landesregierung hob das Ladenschlussgesetz auf, damit Helfer und Flutopfer sich auch am Abend in Baumärkten und Lebensmittelgeschäften eindecken können.

In Wittenberge wird am kommenden Dienstag mit einem Höchststand der Elbe von 8,10 Meter gerechnet, normal sind 2,77 Meter. Den Einsatzkräften an den Deichen stehe ein tagelanger Kampf gegen das Hochwasser bevor, sagte ein Sprecher des Koordinierungszentrums Krisenmanagement. Nach der Evakuierung der Stadt Mühlberg sei an eine Rückkehr der 4500 Bürger nicht zu denken.

Sachsen hat den Scheitelpunkt der Elbeflut zwar schon überstanden, doch noch immer sind Orte überschwemmt. Viele tausend Menschen harren noch in Notquartieren aus, in Dresden waren 4700 Haushalte ohne Strom. Hubschrauber der Bundeswehr versuchten bei Großtreben-Zwethau, ein Loch in einem Deich mit Sandsäcken abzudichten. Hoteliers klagen über viele Stornierungen. Dem Hotel- und Gaststättenverband Dehoga zufolge könnten die Stornierungen für die Betriebe teurer werden als die Flut selbst.

Elbabwärts wird der Hochwasserscheitel in den kommenden Tagen erwartet. Die Sicherung der Deiche sei weitgehend abgeschlossen. Jetzt warten die Anwohner mit Bangen auf die Ankunft der Flut. «Es ist so etwas wie die Ruhe vor dem Sturm eingetreten», sagte die Sprecherin des Krisenstabs im niedersächsischen Lüchow.

An der Donau ist das Hochwasser weitgehend überstanden - doch zurück bleiben Unmengen Schlamm. «Es ist eine stinkende Brühe», sagte ein Stadtsprecher in Deggendorf. Mit schweren Räumfahrzeugen reinigte die Bundespolizei Straßen von Schlamm und Treibgut. Bewohner schaufelten die Überreste der Flut aus ihren Häusern. In einer Schule stapelten sich gespendete Kleidung, Schuhe, Zahnbürsten und Duschgel. Bäckereien brachten Kuchen und Gebäck. Die Anteilnahme sei unglaublich, sagte Schulleiter Robert Seif. «Die Flutkatastrophe schweißt die Menschen im Raum Deggendorf zusammen.»

Auch Donauabwärts in Österreich schaufeln Feuerwehr, Soldaten und freiwillige Helfer Tonnen Schlamm aus zuvor überfluteten Ortschaften. Die Schäden werden mit der Jahrhundertflut 2002 verglichen: Sie sollen in die Milliarden gehen. Das Rekordhochwasser nähert sich nun der ungarischen Hauptstadt Budapest. Die Scheitelwelle wird dort Montagfrüh erwartet. Seit Tagen sind Tausende Helfer im Einsatz, um Dämme mit Sandsäcken zu verstärken. In Tschechien begannen an der Moldai die Aufräumarbeiten, an der Elbe stand das Wasser dafür noch zu Hoch.