Edgar Selge über Bilder geistig Behinderter

320 geistig behinderte Künstler aus 17 Ländern haben sich am Europäischen Kunstpreis für Malerei und Grafik der Münchner Augustinum Stiftung (Euward) beteiligt.

Edgar Selge über Bilder geistig Behinderter
Tobias Hase Edgar Selge über Bilder geistig Behinderter

Bis März 2015 sind die Bilder der drei Preisträger und weiterer Teilnehmer im Buchheim Museum in Bernried am Starnberger See zu sehen.

Den Schauspieler Edgar Selge, Schirmherr des Euward, haben die Bilder vor der Preisverleihung am Samstag tief berührt, wie er in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur erklärte.

Frage: Warum haben Sie die Schirmherrschaft des Euward übernommen?

Antwort: Diese europäische Ausstellung ist ein guter Anlass, noch einmal grundsätzlich neu über Ansätze für ein kommunikativeres Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung nachzudenken. Das Thema Inklusion ist für mich sehr wichtig. Mehr Inklusion bedeutet eine emotionale Bereicherung unserer Gesellschaft. Die Bilder dieser Künstler provozieren förmlich dazu, Konsequenzen zu ziehen und zu erkennen, dass gelebte Inklusion ein wichtiger Schritt ist.

Frage: Wie haben Sie die Bilder erlebt?

Antwort: Diese Bilder sind emotional unglaublich stark und direkt, sie haben eine sehr energetische und menschliche Ausstrahlung. Ich habe mich unter diesen Bildern sofort zu Hause gefühlt, wie angekommen. Bei diesen Menschen kann man den Unterschied zwischen Alltagsleben und künstlerischer Produktion sehr gut sehen.

Frage: Inwiefern?

Antwort: Dieser Übergang von einer Welt in die andere ist nur bis zu einem gewissen Grad rational, da gibt es auch Sprünge. Die sind bei diesen Künstlern besonders stark ausgeprägt. Ich kann das sehr gut nachvollziehen und deshalb fühle ich mich dadurch auch in meinem eigenen Ausdrucksbedürfnis stimuliert.

Frage: Sehen Sie also auch Anknüpfungspunkte zu Ihrer Arbeit als Schauspieler?

Antwort: Ja, und zwar genau bei diesen Sprüngen von einer Welt in eine andere. An diesen Bildern kann man sehen und fühlen, wie man mit seinen existenziellen Ängsten spielen, wie man sie durch Umrisse, Linien und Farben bannen kann und schließlich in Bildern von überwältigender Schönheit mündet. Ich habe vor etwa sechs Jahren den Film «Rosis Baby», einen «Polizeiruf», mit einem Mädchen gedreht, das am Down-Syndrom leidet. Juliana Götze ist Schauspielerin beim Theater Ramba Zamba in Berlin. Das war eine großartige Herausforderung, weil wir vorher nicht alles besprechen und zu Ende diskutieren konnten. Wir mussten einfach sehr schnell anfangen miteinander zu spielen, um auf eine emotionale Ebene zu kommen, auf der wir kommunizieren konnten.

Frage: Haben Sie - im Film wie bei den Künstlern des Euward - erlebt, was die künstlerische Tätigkeit für diese Menschen bedeutet?

Antwort: Es ist wie eine Erlösung für sie, weil die künstlerische Arbeit zu einer kontinuierlichen Struktur in ihrem Alltag wird, mit der sie auch Geld verdienen können. Sie erleben die Wahrnehmung, ja Wertschätzung einer Gemeinschaft, die sie sonst nicht so leicht erfahren würden. Das Aufgehobensein in einer Gemeinschaft - sei es in der Familie oder auch am Arbeitsplatz - ist für diese wie für alle anderen Menschen wesentlich zum Überleben.

ZUR PERSON: Einem breiten Publikum ist Schauspieler Edgar Selge (66) als einarmiger Kommissar Tauber im «Polizeiruf 110» bekannt. Die Rolle brachte ihm 2003 den Deutschen Fernsehpreis ein. Zuvor hatte er bereits eine lange Bühnenkarriere hinter sich, unter anderem 20 Jahre bei den Münchner Kammerspielen. Derzeit arbeitet Selge am Staatsschauspiel Stuttgart. Am Montag (24. November) ist Selge im Film «Das Zeugenhaus» im ZDF zu sehen.