Egon Bahr: Brandts Freund und «Wandel durch Annäherung»

Ohne Zigaretten ging es nicht. Wenn Egon Bahr mehrmals in der Woche in seinem Büro im vierten Stock des Willy-Brandt-Hauses auftauchte, war der Raum rasch eingeräuchert. 

Egon Bahr: Brandts Freund und «Wandel durch Annäherung»
Werner Baum Egon Bahr: Brandts Freund und «Wandel durch Annäherung»

Willy Brandt hatte ihm mal empfohlen, nicht zu plötzlich aufzuhören. Auf sein Laster angesprochen, meinte Bahr schelmisch: «Ich bewundere Helmut Schmidt. Der raucht nur noch die Hälfte im Vergleich zu früher: 40 Stück am Tag.»

Die Worte und Gedanken, die Bahr noch im hohen Alter mit dem Glimmstängel in der Hand formte, waren stets brandaktuell. Der kleine Mann, der einst in Moskau mit dem sowjetischen Außenminister Andrej Gromyko den Entspannungsvertrag aushandelte und zum Mit-Architekten der Ostpolitik seines Kanzlers und engen Freundes Brandt wurde, sorgte sich im Ukraine-Konflikt bis zuletzt um das Verhältnis zu Russland.

Er war fest davon überzeugt, den Faden nach Moskau nicht abreißen zu lassen. «Es gilt der Grundsatz von Willy Brandt: Kleine Schritte sind besser als große Worte», sagte Bahr vergangenen Sommer der Deutschen Presse-Agentur. Erst vor vier Wochen war er wieder in Moskau, diskutierte gemeinsam mit Ex-Sowjetpräsident Michail Gorbatschow über die aktuelle Eiszeit zwischen Russland und dem Westen.

In der russischen Hauptstadt hatte am 22. Mai 1970 die große Stunde des Egon Bahr geschlagen. «Geschafft!»: Kurz und knapp meldete der Staatssekretär den Durchbruch im Ringen mit Gromyko. Der Abschluss der Verträge von Moskau und Warschau über einen Gewaltverzicht und eine politische Annäherung zählte zu den Höhepunkten in Bahrs Lebenswerk.

Unbestrittener Tiefpunkt war der 7. Mai 1974. An jenem Tag trat Brandt wegen der Guillaume-Affäre zurück. Die Stasi hatte den DDR-Spion Günter Guillaume in die engste Umgebung des SPD-Kanzlers eingeschleust. Als sein Freund stürzte, weinte Bahr.

Später erinnerte er sich an diesen schicksalsreichen Tag so: «(SPD-Fraktionschef Herbert) Wehner schrie in der Fraktion: "Willy, Du weißt, wir alle lieben Dich." Ich habe das Wort Liebe aus diesem Mund bei dieser Gelegenheit für eine solche Heuchelei gehalten, dass ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte.»

Der 1922 im thüringischen Treffurt geborene Lehrersohn Bahr wuchs in Berlin auf. Als die Nazis herausfinden, dass seine Großmutter Jüdin ist, wird er aus der Wehrmacht entlassen. Gerne will er Musik studieren, entscheidet sich aber für das Schreiben. Bahr geht zum Rias, macht sich als Kommentator einen Namen.

Auch in die SPD will er. Doch das ist gar nicht so einfach. Parteichef Kurt Schumacher winkt ab, weil der Bonner Korrespondent Bahr dann einen Quotenplatz für die Medien belegen würde. 1952 versucht er es über Brandt: «Er hat gesagt, unter Umständen kann man von draußen mehr bewirken als von drinnen.» Erst im Oktober 1956 schafft es Bahr im dritten Anlauf, Mitglied «meiner glorreichen Partei» zu werden. Brandts Kommentar dazu: «Wem nicht zu raten ist, dem ist auch nicht zu helfen.»

Der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin macht Bahr 1960 zu seinem Pressesprecher. Mit Brandt, dem Außenminister der großen Koalition, wechselt Bahr 1966 ins Auswärtige Amt nach Bonn. Drei Jahre später wird er Staatssekretär im Kanzleramt, dann Bundesminister für besondere Aufgaben. Unter Brandts Nachfolger Helmut Schmidt übernimmt Bahr das Entwicklungsministerium. Später ist er noch SPD-Bundesgeschäftsführer, 1990 zur ersten gesamtdeutschen Wahl 1990 kandidiert Bahr nicht mehr für den Bundestag.

An Bahr scheiden sich zeitlebens die Geister. Die einen bewundern den Mann mit der meist bewegungslosen Mimik für seinen messerscharfen Verstand, der wie kein Zweiter in Bonn im Hintergrund für Brandt die Strippen zog. Von großen Teilen der Schwarzen wird er bekämpft. Als ihm der Berliner Senat zu seinem 80. Geburtstag die Ehrenbürgerwürde verleiht, ist die Hauptstadt-CDU dagegen.

Es bleiben große außenpolitische Wegmarken: Als Architekt der Ostpolitik, der die Insel West-Berlin gesichert hat, der Brücken baute zwischen beiden Teilen des gespaltenen Landes und damit Grundsteine für das vereinigte Deutschland legte. Seine 1963 in einer Rede in Tutzing geprägte Formel «Wandel durch Annäherung», die zur Grundlage der Neuorientierung der Bonner Ostpolitik wurde, hat sich als historisch richtig erwiesen.

Seit Brandts Tod 1992 sorgte Bahr unermüdlich dafür, dass die politischen Überzeugungen, die er mit seinem Freund teilte und vorantrieb, nicht in Vergessenheit gerieten. Vor zwei Jahren brachte er das Buch «Das musst Du erzählen - Erinnerungen an Willy Brandt» heraus.

Bahr blickte aber nie nur zurück, sondern brachte sich wohldosiert als Mahner in die aktuelle Politik ein. Angela Merkels Euro-Krisenpolitik verfolgte er unter Verweis auf die Lehren der Weimarer Republik kritisch: «Wenn zu viele Menschen in Not geraten und die Hoffnung verlieren, gerät die Demokratie in Gefahr. Das ist in Griechenland zu beobachten, verstärkt durch außenpolitischen Druck, der die Würde des Landes verletzt», schrieb Bahr.

Kurz vor der Bundestagswahl 2013 hoffte er noch, dass die SPD nicht in einer großen Koalition mit der CDU landen würde. «Wir sind nicht dafür da, der CDU zur Regierung zu verhelfen und so zur Verkleinerung der SPD beizutragen.» Am Mittwoch (19. August) starb Egon Bahr in Berlin im Alter von 93 Jahren. Seine zweite Frau Adelheid war bei ihm.