Ein letztes «Merci»: Abschied der Chansonlegende Gréco

Sie sagt nicht Adieu, sondern «Merci». So lautet der Titel letzten Welttournee von Juliette Gréco. Auch wenn sie es nicht so nennen wollte, gab die 88-Jährige am Freitagabend in Frankfurt ihr .

Ein letztes «Merci»: Abschied der Chansonlegende Gréco
Boris Roessler Ein letztes «Merci»: Abschied der Chansonlegende Gréco

In der Stadt, in der sie 1959 zum allerersten Mal auf einer deutschen Bühne gestanden hatte, fand nun ihr allerletztes Deutschlandkonzert statt. In der Alten Oper geriet das Gastspiel zu einer gut einstündigen Reise in die Welt des klassischen französischen Chanson - nostalgisch und zeitlos zugleich.

Ihr Alter merkte man Gréco an, als sie vorsichtig die große Bühne betrat und dabei sogar kurz stolperte. Am Mikrofon aber sang die einstige Muse der Pariser Existenzialisten ihre Chansons nicht nur voller Kraft.

Sie spielte die Lieder regelrecht: Mal gestikulierte sie ausladend und malte Bilder in die Luft, mal strich sie sanft mit ihren Händen. Die Augen hellwach und strahlend. So lebte sie, wie immer im schwarzen Gewand, fesselnd und glaubwürdig die Geschichten, die die Chansons erzählen: Geschichten des Lebens, der Liebe, des Leidens und der Leidenschaft, der Sehnsucht und des Todes.

Die energiegeladene Dame beherrschte unvermindert nicht nur die Texte, sondern auch jede Pose der effektvollen und theatralischen Darbietung. Eindrucksvoll demonstrierte sie bei ihrem großen Auftritt, wie zeitlos sowohl sie selbst als auch die Jahrzehnte alten Stücke sind.

Bejubelte Stationen waren die ganz großen Nummern der ganz großen Namen, darunter «Amsterdam» oder «Bruxelles» von Jacques Brel etwa oder Chansons von Serge Gainsbourg und Léo Ferré, vom dem sie «Paris Canaille» ins Programm nahm.

Mit 88 Jahren in einem Konzert verführerisch das erotische «Déshabillez-moi» (Ziehen Sie mich aus) und düster den «Dialog mit dem Tod» namens «J'arrive» (Da bin ich) zu singen, ohne dass es peinlich oder befremdlich wirkt, das können sich wohl nur wenige erlauben. Juliette Gréco aber sang das eine wie das andere mit einer Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit, dass man gar nicht auf die Idee kam, irgendetwas daran könne unpassend sein.

Es war keine Überraschung, dass die 1800 Fans im fast ausverkauften Saal die große Dame des Chansons vom ersten bis zum letzten Moment feierten. Intensität und Dauer des Applauses steigerten sich ab etwa der Hälfte von Lied zu Lied bis zum großen Finale. Nun standen alle, jubelten und strahlten, einige brachten Blumensträuße zur Bühne.

Das letzte Lied des letzten Auftritts: Jacques Brels Klassiker «Ne me quitte pas», übersetzt: Bitte geh' nicht fort. Die Gréco ging dann doch - aber nicht, ohne die minutenlangen stehenden Ovationen glücklich entgegen zu nehmen, voller sichtbarer Dankbarkeit und Rührung, mit warmem Lächeln und mit herzlichen Kusshänden, die sie ihren Fans zuwarf.

Dem Mann am Klavier, der sie gemeinsam mit dem Akkordeonisten Jean-Louis Matinier den Abend über zuverlässig begleitet hatte, schickte sie einen laut vernehmbaren Kuss durchs Mikrofon. Es war Gérard Jouannest, mit dem sie seit 1968 zusammen und seit 1989 verheiratet ist. Der Abend war ein bewegender Abschied einer Legende von der deutschen Konzertbühne.

Wer die so warmherzige wie energische Diva nun noch einmal erleben will, muss nach Frankreich reisen. In ihrem Heimatland wird Gréco ihre Abschiedstournee, die sie nicht so nennen will, bis Mai 2016 fortsetzen.