Eine Detektivin spürt in Peking Geliebte auf

Zhang Yufen ist eine Frau, die sich nichts gefallen lässt. Als ihr Mann sie nach 16 Jahren Ehe für eine jüngere Frau sitzen lassen will, ist sie erst tagelang wie gelähmt, wie sie erzählt.

Eine Detektivin spürt in Peking Geliebte auf
Stephan Scheuer Eine Detektivin spürt in Peking Geliebte auf

Aber dann hat sie einen Plan. «Ich wollte wissen, wer diese Frau ist, und meinen Mann für seine Untreue bluten lassen.» Aber sie wusste nicht, wo sie anfangen sollte. «Also half mir nur gute alte Detektivarbeit.» Schnell merkt Zhang, dass sie eine Pionierin ist.

«Es gibt sehr viele betrogene Frauen in China, aber niemanden, an den sie sich wenden konnten», sagt Zhang. Komme es zu einer Scheidung, rissen die Ehemänner oft das ganze Vermögen an sich. Um einen guten Unterhalt oder eine ordentliche Abfindung vor Gericht zu erstreiten, bräuchten die Frauen Beweise, dass sie betrogen wurden. «Aber die sind schwer zu bekommen. Dafür brauchen sie Hilfe. Und da komme ich ins Spiel», sagt Zhang.

Die Soziologin Li Yinhe spricht von einem «gravierenden Problem» von untreuen Ehemännern in China. Li ist eine der bekanntesten Forscherinnen an Chinas Akademie der Sozialwissenschaften, und eine der wenigen Wissenschaftlerinnen, die seit Jahren zu Ehe und Sexualität in China forscht.

Eine Geliebte ist für manch reiche und mächtige Männer zu so etwas wie einem Statussymbol geworden. Laut einer Studie der Volksuniversität in Peking aus dem Jahr 2012 hatte 95 Prozent der Parteimitglieder, gegen die wegen Korruption ermittelt wurde, mindestens eine Mätresse. «Monogamie gibt es in China erst seit etwa 60 Jahren. Viele Menschen sind daran gewöhnt, dass Männer Geliebte haben», sagt Li der Deutschen Presse-Agentur in Peking.

Die 57-jährige Zhang kramt in ihrer Handtasche und zieht zwei Handys hervor. «Das sind meine wichtigsten Arbeitsmittel», sagt sie. Sie redet von den Freundinnen, die ihr bei Recherchen halfen, vom jahrelangen Gerichtsprozess gegen ihren Mann und dessen Geliebte. Nach ihrer Tortur vor Gericht habe sie sich zum Ziel gesetzt, anderen Frauen dieses Schicksal zu ersparen. «Erst wollte ich nur Freundinnen helfen, aber dann wurde ich mit Anfragen überschüttet», sagt sie.

Es ist eine mühselige Arbeit. Zhang hat keine ausgefeilte Überwachungstechnik zur Hand. Ihre Hilfsmittel sind ihre Notizbücher, Ferngläser und Aufnahmegeräte. «Ich verstecke mich einfach, zum Beispiel hinter einem Baum, wenn ich auf Pirsch gehe», sagt sie. Wochen habe sie gebraucht, um einen Mann zu seiner Geliebten zu verfolgen. «Er war mit dem Auto unterwegs, und ich hatte nur ein Fahrrad und manchmal Taxis», sagt Zhang. Aber letztlich sei sie dem Betrüger auf die Schliche gekommen.

Die aufgeweckte, redselige Frau spricht von vielen Rückschlägen. Von Beweismitteln, die vor Gericht plötzlich verschwunden waren. Oder von Richtern, die ihre Recherchen im Prozess nicht zulassen wollen. Aber 2009 kam für sie eine große Chance. Die Frau eines Staatsbediensteten bei der Bahn kam zu Zhang. Sie vermutete, ihr Mann hintergehe sie. Zhang ermutigte die Frau, selbst Nachforschungen anzustellen.

Die Ermittlungen wurden zu Zhangs größtem Fall. Im Smartphone ihres Mannes fand die Frau Fotos von Frauen und Telefonnummern. Zhang ging den Informationen nach. «Er arbeitete ständig in unterschiedlichen Städten. Über das ganze Land hatte er sich eine Art Harem von 17 Geliebten angelegt», sagt Zhang. Das Luxusleben habe er sich dank Schmiergeldern finanzieren können. «In einer Wohnung überraschte seine Frau ihn mit einer anderen im Bett», erzählt Zhang.

Doch am Ende stand trotzdem eine große Enttäuschung: Die Frau trennte sich, aber niemand ging den Hinweisen auf Bestechung nach. Für Zhang ist klar, dass die Chefs des Bahnbeamten den Fall vertuschten.

Vor Gericht haben betrogene Frauen in China oft schlechte Karten. Soziologin Li Yinhe sagt: «Laut Gesetz müsste der Untreue bei einer Scheidung weniger oder gar nichts vom Besitz aus der Ehe bekommen. Aber in der Realität ist Untreue sehr schwer nachzuweisen.»

Selbst mit den nötigen Beweisen, schreckten manche Frauen vor einem Gerichtsverfahren zurück, sagt Zhang. «Davon hatte ich mehrere Klientinnen.» Sie habe alles für die betrogenen Ehefrauen zusammengetragen, aber dann wollte diese nicht vor Gericht ziehen. «Sie wollten der öffentlichen Demütigung entgehen», sagt Zhang. Denn obwohl Scheidungen in China immer üblicher würden, bleibe es für viele Frauen ein Makel fürs Leben.

Mit einem Detektivbüro wollte sich Ermittlerin Zhang als Expertin positionieren. Mit neun Freundinnen gründete sie 2003 die Agentur Phönix. Aber die Arbeit zahlte sich nicht aus, und Zhang musste das Büro wieder schließen. «Wenn es in einem Ehestreit hässlich wird, entziehen viele Männer ihren Frauen als erstes den Zugang zum gemeinsamen Geld», sagt Zhang. Deshalb habe sie den Frauen nur Spesen in Rechnung gestellt, aber kostenlos gearbeitet.

Zudem machten Zhang Chinas Gesetze Schwierigkeiten. Denn Privatdetektive sind in China seit 1993 verboten. «Die Nachfrage wird immer bleiben, auch wenn Behörden den Berufsstand verbieten», sagt Soziologin Li. «Den Beruf wird es in Zukunft noch mehr geben, ganz einfach weil so viele Menschen nach diesen Dienstleistungen suchen.»

Zhang sagt, auch wenn es ihre Agentur heute nicht mehr gebe, arbeite sie ehrenamtlich weiter. «Mittlerweile habe ich ein riesiges Netzwerk von einflussreichen Frauen aufgebaut, denen ich geholfen habe.» In Notizbüchern sammelt sie Details zu ihren Fällen und Kontaktdaten ihrer Klientinnen. «34 Bücher habe ich schon vollgeschrieben. Und es werden sicher noch viel mehr werden.»