Elfriede Jelinek: NSU-Prozess als absurdes Theater

Zuerst gab es nur ein paar wenige, zaghafte Lacher. Aber nach und nach trauten sich die Zuschauer im Münchner Schauspielhaus. Man kicherte, gluckste, prustete.

Elfriede Jelinek: NSU-Prozess als absurdes Theater
Sven Hoppe Elfriede Jelinek: NSU-Prozess als absurdes Theater

Und so wurde die heftig beklatschte, Buh-frei aufgenommene Uraufführung des neuesten Stückes der österreichischen Skandalautorin Elfriede Jelinek zu einem unterhaltsamen Abend. Nur fragte man sich ein wenig bange: Darf man lachen, wenn auf der Bühne der Prozess um die so absurd-schreckliche Mordserie des «Nationalsozialistischen Untergrunds» (NSU) verhandelt wird? Sollte einem da das Lachen nicht im Halse stecken bleiben?

Es gab schon mehrere Versuche, die mörderischen Umtriebe des braunen Trios Mundlos/Böhnhardt/Zschäpe zu dramatisieren. Sozusagen gleich nebenan in München, im Residenztheater, kam schon in dieser Spielzeit das Stück «Urteile» über die Münchner NSU-Morde auf die Bühne. Auch in Frankfurt am Main, Karlsruhe und Köln gab es entsprechende Uraufführungen. Doch Jelineks Stück «Das schweigsame Mädchen» um die im Prozess bislang so beredt schweigende Hauptangeklagte Beate Zschäpe ist der bislang prominenteste Versuch, sich des Stoffes zu bemächtigen. Schließlich ist die publikumsscheue Nobelpreisträgerin immer für ein paar feuilletonistische Aufreger gut.

Doch der Skandal blieb aus. Niemand verließ während der Vorstellung den Saal, wie es Johan Simons, Intendant der Münchner Kammerspiele, befürchtet hatte. Der Niederländer selbst führte Regie bei der Uraufführung. Er hatte den auf acht Rollen verteilten Endlos-Text als eine Art szenische Lesung inszeniert und wirkungsvoll mit Bühnenmusik angereichert. Auf der spärlich dekorierten Bühne fanden sich Versatzstücke aus einem von den Tätern ersonnenen, perversen Gesellschaftsspiel, das sie «Pogromly» getauft hatten, in Anlehnung an das bekannte «Monopoly».

Jelineks Texte sind schwer zu durchdringen. Die der Uraufführung fern gebliebene Autorin hatte das Stück aus Zeugenaussagen des Megaprozesses sowie Medien- und Obduktionsberichten zusammenmontiert, durchsetzt mit ihren eigenen, in absurde Wortspiele gekleideten Gedanken über die Umstände, die dazu führten, dass ein halbes Jahrhundert nach dem Holocaust wieder brutaler Terror von rechts gedeihen konnte. Überhöht wurde das ganze durch Parallelen zur christlichen Heilsgeschichte. Zschäpe als braun befleckte «Jungfer», die Deutschland zwei «Erlöser» schenkt.

Weil man wenig hat, an dem man sich gedanklich entlang hangeln kann, bleiben vor allem Jelineks Wortspiele in Erinnerung. «Menschen sterben sowieso, man muss nur etwas Geduld mit ihnen haben»; «Sie treten die Pedale, kein Volk hört die Signale»; «Deutschland, das Urvolk mit Exportüberschuss». Die Schauspieler saßen nebeneinander aufgereiht am Bühnenrand und lasen die Texte von Notenständern ab. Oder sie taten wenigstens so.

Es traten auf: die Eltern der Todesschützen (Annette Paulmann, Hans Kremer), zugleich «Propheten», drei in schwarz gehüllte Gestalten (Steven Scharf, Wiebke Puls, Benny Claessens), die sich als Zeugen und «Engel» vorstellten. In der Mitte der Richter (Thomas Schmauser), der durchaus als Karikatur von NSU-Chefrichter Manfred Götzl durchgehen konnte. Und ganz links ein sehr verhärmt aussehender Jesus (Risto Kübar), der erst ganz am Schluss zu einem kryptischen Monolog ansetzt. Zschäpe selbst taucht in dem Stück nicht auf.

Mit den stärksten Auftritt an diesem Abend hatte Benny Claessens als Engel-Zeuge. Wie er sozusagen mit spitzen Fingern den Inhalt eines Vesperkorbes, der den Mördern zur Stärkung diente, verbal präsentierte, war kabarettreif. Doch der Erkenntnisgewinn des Abends war überschaubar. Dass man den ganzen, endlosen NSU-Prozess, die unbegreiflichen Morde, die genauso unbegreiflichen Ermittlungspannen als absurdes Theater sehen kann, dass man über all dem seinen Glauben verlieren kann, wenn man denn einen hatte - geschenkt. Den Opfern und ihren Angehörigen bringt das wenig.