Der Gipfel fürs Poesiealbum: Postkartenidyll contra Politik

Wunderbar soll dieses Deutschland sein. Seine Inszenierung als bayerisches Idyll: perfekt. Wie sauber sich der Himmel spannt, wie saftig die Wiesen leuchten, wie warm die so freundlich bemalten Häuser einladen.

Der Gipfel fürs Poesiealbum: Postkartenidyll contra Politik
Michael Kappeler Der Gipfel fürs Poesiealbum: Postkartenidyll contra Politik

Kommt gleich jemand und schiebt dieses Prachtpanorama einfach in die Kulisse? Tote Syrer, sterbende Flüchtlinge an Europas Stränden, schwere Kämpfe in der Ukraine, der Finanztaumel der Griechen: Alles ziemlich weit weg hier.

Krün. Weiter entfernt vom Schwarzbrot harter Politik könnten der Ort und seine Weißwürste kaum liegen. Für perfekte Bilder wurden Zutaten eilig auch aus umliegenden Orten herangeschafft. Zwei Bäume gepflanzt. Ein Biergarten mit Häuschen gezimmert. Tische blau gedeckt. «Wo der Wildbach rauscht», «Wetterleuchten um Maria» - bestimmt biegen gleich Ruth Leuwerik, Sonja Ziemann oder Rudolf Prack um die Ecke. Der G7 als deutscher Heimatfilm?

In dieser sicher nicht ganz unabsichtlichen Maximaldistanz von Politikprosa und Postkarte zieren gewaltige Gamsbärte die Hüte vieler Männer. Alphörner hupen, es fließt das Bier, strahlende Menschen in heller Freude und bunter Tracht. Sodann biegt um die Ecke: der Präsident der USA. Leicht zerknittert sein Anzug, Küsschen für die Kanzlerin (heute zunächst in Mintgrün), Dutzende Hände schütteln (Bürgermeister, Polizisten, Landrat), breites Lachen. Sehr lässig. Wer wäre Obama, dass er diese gefühlige Inszenierung störte?

Um 11.12 Uhr legt er das Sakko ab. Weißes Hemd, blaue Krawatte. Um ihn herum Trachtler und Wadlstrümpf'. Entschlossen säbelt er an einer Weißwurst, ein Klecks süßer Senf, Brezen auf einem Ständer und ein Schluck vom Bier - wobei das für die Gepflogenheiten der Gegend eher ein Nippen ist. POTUS verzieht dabei doch nicht leicht das Gesicht? Um 11.33 Uhr verlässt seine schwere Kolonne den blumigen Ort, 53 Minuten war er dort.

Schnitt: Schloss Elmau. In grünen Golfcarts werden die Mächtigen der G7 herangekarrt, ein bisschen ulkig sieht das aus. Am Ende des roten Teppichs im Hof des Hotels stehen Kanzlerin und Gatte, beide umgezogen. Merkels Blazer ist jetzt blau. Offizielle Begrüßung, Smalltalk über das (aber wirklich unfassbar schöne) Wetter. Weitergehen ins Schloss entlang eines langgestreckten Wasserbeckens, das permanent leise überläuft (Schlossherr Dietmar Müller-Elmau beim Vorbesuch: «Das Becken symbolisiert das entgrenzte Ineinander von Wasser und Luft, kein Ende nirgends»). 13.20 Uhr, Merkel und Obama beenden den Begrüßungsreigen.

13.30 Uhr, Spaziergang. Durch eine recht liebliche Blumenwiese hinüber zum, nun ja, Familienfoto. Winken (alle, bis auf die eine), Lächeln, Berge, schön. Die Gruppe, eine Dame und acht Herren, geht links ab.

Hinüber also, jetzt muss gearbeitet werden, wenige hundert Meter lang ist der Weg. So viele schreitende Männer in Schwarz. Es geht zum so genannten Retreat. Das Gebäude ist neu im Elmau-Komplex und riecht auch so, und es ist von der Art äußerlich eher unprätentiös aufgeladenem, aber erklärungsbedürftigem Luxus, auf die der Schlossherr steht. Im Raum für die Arbeitssitzungen der G7 krümmt sich der normal solvente Gast sonst eher zur Yoga-Figur abwärts schauender Hund, oder er trifft sich zu einer Klausur. Jetzt nehmen die G7 Platz (13.48 Uhr), die Kanzlerin eröffnet. Türen zu. Thema: Weltwirtschaft.

19.39 Uhr. Konzert im Schloss. Die G7 nebst wieder hochoffiziell gekleidetem Anhang in der ersten Reihe auf roten Stühlen. Gegeben werden Lieder von Richard Strauß, einst wohnhaft in Garmisch-Partenkirchen. Waltraud Meier, eigentlich bei Wagner daheim, singt. Dieser Saal hat viele Größen aus Klassik und Jazz gesehen, das Programm ist ausgesucht und oft hervorragend. Merkels Blazer: beige.

Abendessen in trauter Runde. Seeteufel, Rehrücken aus dem Karwendel, Topfenknödel. Und Huchen, ein Fisch aus der Familie der Lachse. Nach Bilateralem und Briefings könnte sodann, wer mag, seine Suite mit dem famosen Blick auf eine majestätische Wand des Wetterstein aufsuchen. Tag eins geht zu Ende. Ukraine, TTIP und Griechenland waren sein roter Faden, ist danach zu hören.

Der zweite Gipfeltag. Wolkenfetzen ziehen leise um Schloss Elmau. Schwer, dabei nicht an den Zauberberg zu denken. Heute wird über das Klima gesprochen. Und mit afrikanischen Staats- und Regierungschefs, die am Vorabend leicht irritiert an eine endlos lange Tafel in der überreich geschmückten Münchner Residenz geladen waren.

Aus ihrer großen Kollektion an Blazern wählt Merkel heute das helle Rot. Sie eröffnet die Runde. Obama kommt neuerlich mit eigenem Kaffeebecher, versehen mit dem Wappen des US-Präsidenten. Fotografen und Kameraleute müssen blaue OP-Schuhüberzieher tragen, das soll die edlen Teppiche zu schonen. Die Architektur des Raumes mit seiner pagodenähnlichen Decke, sagt der Schlossherr, sei der des großen Konzertsaals nachempfunden. Auf die holzbelegte Terrasse ist eine mobile Panzerglaswand montiert, übermannshoch.

Unten vor dem Schloss hängen die Fahnen schlaff herab, aber der Schlossherr strahlt. Der rote Teppich, frisch neu verklebt, beißt sich doch etwas mit Merkels Blazerrot. Es ist kühl geworden.

300 Meter tiefer, in Garmisch-Partenkirchen. Die G7-Gegner sind erschöpft. Gegen 10.00 Uhr sagen sie ihren Protestmarsch ab. Veranstaltungsleiterin Ingrid Scherf: «Wir sind gestern schon so viel gelaufen.» Irgendwie ist hier die Luft raus. Beinahe gar nichts hat die Polizei zugelassen. Auf jeden Demonstranten kamen hier locker mehr als zwei Polizisten. Wenn Abschreckung durch Stärke das Prinzip sein sollte, dann hat das gut funktioniert.

Ein paar versprengte Sitzblockierer wurden weggetragen, jeder einzelne Trupp von einer Armada in dunkler Montur begleitet, vereinzelt gab es Rangeleien, Rauchkerzen. Das Bild vom Idyll, als «Gipfel dahoam» so mächtig inszeniert, es soll keine Kratzer bekommen. Am Ende wird der schwerste Sachschaden eine zertrampelte Wiese sein.

Sicherheitsringe um den Ort, Kolonnen von Polizeifahrzeugen, taktisch patrouillierende Wasserwerfer in hohem Tempo, eine bemerkenswert geschickt twitternde Einsatzzentrale: All das trägt dazu bei, dass die vielen sehr ernst gemeinten Forderungen und Proteste weitgehend ins Leere gehen. Viele verlassen Garmisch bar jeder Illusion, zurückgedrängt und nassgeregnet. «So ein Aufwand nur für Euch G7» steht auf einem Transparent. Darunter sieben Zwerge.

12.23 Uhr, Schloss Elmau. Noch ein «Familienfoto» im Stehen, diesmal mit den eingeladenen Staats- und Regierungschefs anderer Länder. Rascher Wechsel mit der ganzen Gruppe auf eine nahe Holzbank. Weitere Fotos, diesmal sitzt die Familie. Später rauscht ein Foto von Merkel und Obama als so genanntes Meme durchs Internet: Der Präsident sitzt entspannt auf der Bank, die Kanzlerin mit weit ausgebreiteten Armen, im Netz ergänzt mit vielen oft launigen Sprüchen wie «Sooo lange bin ich noch Kanzlerin.»

13.50 Uhr. Erste Ergebnisse dringen aus den Delegationen. Die Staaten bereiten ihre Abschluss-Pressekonferenzen vor. Schwarzglänzende, polizeieskortierte Wagenkolonnen verlassen Elmau. Im Pressezentrum (Eishalle, SC Riessersee) beginnen schon erste Abbauarbeiten.

Um 14.41 Uhr tritt die Kanzlerin vor die Weltpresse. Arbeitsintensiv und produktiv sei der Gipfel gewesen, sagt sie, wirkt dabei etwas atemlos. Die Abschlusserklärung wird verbreitet.

Gut 45 Minuten später verlässt die Kanzlerin neben ihrem Chef-Sherpa das Gebäude. Lars-Hendrik Röller wirkt erleichtert. Der nächste Gipfel in diesem Format ist geplant für 2016, dann unter japanischer Präsidentschaft. Das Wetter am Dienstag dort in Shima, gut 200 Autokilometer von Osaka: 19 Grad, leichter Regen. Genau wie am Dienstag in Garmisch.

Shima liegt am Ende einer gleichnamigen Halbinsel, über 9000 Kilometer Luftlinie entfernt von Bayerns Bergen. Strategisch könnte der Küstenort ähnlich abzuriegeln sein wie Schloss Elmau. Doch es dürfte schwer werden, ihn ähnlich zu inszenieren wie den Ort des deutschen G7-Gipfels.