Klimaschützer jubeln: G7 «überraschend stark»

Für Barack Obama und Angela Merkel war Deutschlands größter Alpengletscher vom G7-Gipfel auf Schloss Elmau aus fast in Griffweite. Unterhalb der Zugspitze schmilzt der Schneeferner seit Jahrzehnten vor sich hin.

Drei Viertel seiner Eisfläche hat der Gletscher in den letzten hundert Jahren eingebüßt. Besser fassbar hätten der Klimawandel und seine Folgen für die politischen Führer sieben wichtiger Industrienationen bei ihrem Gipfeltreffen in Deutschland kaum sein können.

Vielleicht war es die Bilderbuch-Kulisse der bayerischen Karwendel- und Wetterstein-Berge, die vor allem Japans Premierminister Shinzo Abe und seinen kanadischen Amtskollegen Stephen Harper einlenken ließen. Sie galten beim Klima zunächst als Bremser in der Siebener-Seilschaft. «Da haben die Sherpas harte Arbeit geleistet», sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel vielsagend. 

Der Gipfel verständigte sich darauf, im Laufe des 21. Jahrhunderts auf fossile Energieträger zu verzichten. Bis 2050 soll der Ausstoß von Treibhausgasen im hohen zweistelligen Prozentbereich gegenüber 2010 verringert werden. Im Klartext heißt das: ein deutlicher Rückzug aus der Kohleverstromung, wenngleich bis dahin noch Jahrzehnte vergehen dürften. Für die G7 gleicht das aus Sicht der Befürworter einem Quantensprung, der auch ein wichtiges Signal an die UN-Klimakonferenz im Dezember in Paris sendet. 

Die Klimaschützer zählten bislang nicht zu den Unterstützern der G7-Politik. Vor diesem Gipfel waren sie allerdings schon ungewohnt optimistisch, nun jubeln einige sogar. Noch in der Nacht hatten sie ihr Klimaziel der Dekarbonisierung in grüner Farbe an den Großen Waxenstein, einen imposanten Berg-Koloss über Garmisch-Partenkirchen projiziert. Stunden später brachte endlich eines der vielgescholtenen Gipfeltreffen auch einmal aus ihrer Sicht einen greifbaren Erfolg. Endlich ist die internationale Politik einmal nicht hinter bereits zuvor gemachte Versprechungen zurückgefallen.

«Elmau hat geliefert», lobte Greenpeace-Klimaexperte Tobias Münchmeyer. «Die Vision einer globalen Energiewende hin zu 100 Prozent Erneuerbaren hat heute deutlich Konturen gewonnen.» Die Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch sprach von einem überraschend starken Ergebnis. «Die G7 hat heute das Ende des fossilen Zeitalters auf die Agenda gesetzt», sagte ihr politischer Geschäftsführer Christoph Bals. 

Kanzlerin Merkel war aus Sicht ihrer Kritiker in der Klimadebatte jahrelang so gut wie abgetaucht. Jetzt hat sie wieder die Initiative ergriffen. Doch die Gastgeberin schaffte das nicht allein: Frankreichs Präsident François Hollande brauchte einen Klimaerfolg beim Gipfel, um seine Gastgeberrolle bei der Pariser Konferenz im Dezember erfolgreich ausfüllen zu können. Der britische Premier David Cameron folgte Merkel wohl auch aus europapolitischen Überlegungen. 

Schwung in die Klimadebatte hatte auf dem Gipfel auch die Wirtschaft gebracht. Versicherer wie der Konzern Axa oder Zurich Re warnen zunehmend vor Klimaschäden. Bis zu 450 Milliarden Dollar (400 Milliarden Euro) könnten an Kosten anfallen, falls nichts geschieht. Aber auch Autokonzerne wie Nissan und Honda oder Banken wie die Commerzbank stellten sich hinter die Forderung, langfristig den Ausstieg aus der Verbrennung fossiler Energieträger anzustreben.

Auf dem Weg zum Zwei-Grad-Ziel, das die G7-Länder bei der Klimakonferenz in Paris verbindlich festzurren und mit Inhalt füllen wollen, sind noch viele Steine aus dem Weg zu räumen. Länder wie China, Russland und Indien müssen dann mitspielen. Zumindest China lobte Merkel für seine Klimaanstrengungen: «China hat einen enormen Aufwuchs an Wind- und auch Wasserkraft.» 

Für den Schneeferner unterhalb des Zugspitzgipfels dauert das alles viel zu lange. Der Gletscher ist nach Einschätzung von Experten nicht mehr zu retten. Das einst als «ewiges Eis» bezeichnete Stück Natur wird in einigen Jahrzehnten nicht mehr existieren.