Empörung über Räumung in Kiew - Opposition im Aufwind

Nach einem nächtlichen Räumeinsatz der ukrainischen Polizei mit Festnahmen und Verletzten hat die Opposition für die Zukunft jedes Gespräch mit der Staatsführung strikt abgelehnt.

«Kompromisse mit Halsabschneidern und Diktatoren kann es nicht geben. Man muss sie loswerden», sagte der Oppositionspolitiker und Boxweltmeister Vitali Klitschko am Mittwoch.

Im Tagesverlauf zogen sich die Sondereinheiten unter dem Jubel Tausender Demonstranten vom Unabhängigkeitsplatz - dem Maidan - zurück. Das nächtliche Vordringen gegen die Barrikaden der Regierungsgegner stieß auf scharfe Kritik von der Europäischen Union, den USA und Deutschland.

Die Opposition rief zu neuen Protesten auf und forderte vehement den Rücktritt von Präsident Viktor Janukowitsch. «Es gibt nur einen Ausweg: Die vollständige Auswechslung der Regierung sowie vorgezogene Parlaments- und Präsidentenwahlen», sagte Klitschko vor Journalisten. Zudem müsse der Westen Sanktionen gegen die Regierungsmitglieder verhängen. «Der Präsident versteht leider keine andere Sprache», sagte der Chef der Partei Udar (Schlag).

Die inhaftierte Oppositionsführerin Julia Timoschenko lehnte ein Gesprächsangebot an die Demonstranten in der Ex-Sowjetrepublik strikt ab. «Keine Verhandlungen mit der Bande, keine Runden Tische mit ihnen», betonte die Ex-Regierungschefin in einer Mitteilung aus der Haft. «Ich appelliere an alle Ukrainer: Erhebt Euch!», hieß es in dem von ihrer Partei Batkiwschtschina (Vaterland) verbreiteten Text.

Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton traf sich zum zweiten Mal binnen 24 Stunden mit Janukowitsch. Der Präsident habe eine rasche Lösung der Krise angekündigt, sagte Ashton der Agentur Interfax zufolge. Sie sehe ihre wichtigste Aufgabe darin, einen Dialog zwischen Regierung und Opposition herzustellen. Auch die US-Außenpolitikerin Victoria Nuland besprach die angespannte Lage mit dem Staatsoberhaupt.

Zum Maidan strömten trotz eisiger Temperaturen von minus 8 Grad und Schneefalls weiter zahlreiche Menschen. Freiwillige schenkten Tee an die Demonstranten aus und verteilten belegte Brote. Auch «Miss Ukraine 2013», Anna Sajatschowskaja (21), beteiligte sich daran.

Es werde keine Gewalt gegen friedliche Demonstranten geben, versicherte Regierungschef Nikolai Asarow. Die Polizei habe lediglich Wege von Barrikaden geräumt. Innenminister Witali Sachartschenko betonte: «Ich möchte alle beruhigen - der Maidan wird nicht erstürmt.» Die Polizei schloss allerdings eine neue gewaltsame Räumung der wieder verstärkten Barrikaden im Stadtzentrum nicht aus.

Klitschko sagte, dass am frühen Morgen mindestens 30 Demonstranten festgenommen worden seien. Bei mehreren Zusammenstößen habe es viele Verletzte gegeben. Nach Angaben des Innenministeriums wurden auch zehn Angehörige der Sicherheitskräfte verletzt.

Ashton teilte mit, sie sei «traurig» über das nächtliche Vorgehen der Polizei. US-Außenminister John Kerry zeigte sich «angewidert». «Diese Reaktion ist weder akzeptabel noch ziemt sie sich für eine Demokratie», sagte er einer Mitteilung zufolge.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle warnte die Führung in Kiew davor, die Proteste gewaltsam niederzuschlagen. «In einer Demokratie lassen sich friedliche Demonstrationen der Menschen nicht einfach verbieten und mit Staatsgewalt unterbinden», erklärte er. Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion erklärte sich solidarisch mit den friedlichen Demonstranten.

Die seit drei Wochen andauernden Proteste in dem krisengeschüttelten Land sind die Folge einer Abkehr der Regierung von ihrem proeuropäischen Kurs. Janukowitsch hatte das ausgehandelte Assoziierungsabkommens über engere Zusammenarbeit und freien Handel mit der EU nicht unterzeichnet, nachdem Russland mit wirtschaftlichen Strafmaßnahmen gedroht hatte. Die Ukraine ist dringend auf ausländische Finanzhilfe angewiesen.

Regierungschef Asarow forderte 20 Milliarden Euro Finanzhilfe von der EU für den Abschluss des Assoziierungsabkommens. «Wir wollen Bedingungen schaffen, um die Verluste für die ukrainische Wirtschaft zu verringern», sagte Asarow. Die EU reagierte schroff. «Wir halten das Gedeihen und die Zukunft der Ukraine nicht für eine Auktion, wo der Meistbietende den Zuschlag erhält», sagte EU-Kommissionssprecher Olivier Bailly in Brüssel.