Ermittler schließen nur Explosion vor Airbus-Absturz aus

les-Alpes/Köln (dpa) - Am Absturzort der Germanwings-Maschine in Frankreich haben sich die Ermittler auf die Suche nach dem Flugdatenschreiber konzentriert.

Ermittler schließen nur Explosion vor Airbus-Absturz aus
Guillaume Horcajuelo Ermittler schließen nur Explosion vor Airbus-Absturz aus

Die Auswertung des bereits gefundenen Sprachrekorders brachte nach Behördenangaben bisher nur eine Sicherheit: Das deutsche Flugzeug mit 150 Menschen an Bord ist nicht in der Luft explodiert. Die Helfer in dem schwer zugänglichen Alpental bereiten außerdem die Bergung der Leichen aus der trümmerübersäten Felsformation vor.

Die Ermittlungen zur Ursache des Germanwings-Absturzes waren auf unerwartete Probleme gestoßen. Bergungskräfte fanden zwar den Sprachrekorder und den Behälter des Flugdatenschreibers. Die eigentliche Blackbox mit gespeicherten Flugdaten blieb zunächst aber verschollen, wie der französische Präsident François Hollande bei einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Seyne-les-Alpes sagte. Zudem dauerte die Auswertung der Geräusche aus dem Cockpit des Airbus A320 länger als erwartet.

Klar war nach Angaben der französischen Untersuchungsbehörde BEA zunächst nur, dass es keine Explosion an Bord des Airbus A320 gegeben hat. «Das Flugzeug ist bis zum Schluss geflogen», sagte BEA-Direktor Rémi Jouty in Paris. Die BEA habe zwar Daten aus dem ersten Flugschreiber ausgewertet, könne aber keine Erklärung für den Absturz geben. «Wir haben auch nicht die geringste Erklärung dafür, warum dieses Flugzeug auf die Kontaktversuche der Luftraumkontrolle, wie es scheint, nicht geantwortet hat», sagte Jouty.

Der Lufthansa-Chef Carsten Spohr, zu dessen Konzern Germanwings gehört, hatte nach dem Fund des Sprachrekorders am Dienstag gesagt: «Ich gehe davon aus, dass wir sicherlich relativ schnell erste Informationen bekommen werden, was die Absturzursache wahrscheinlich war», hatte Spohr gesagt. Am Mittwoch erklärte Spohr in Barcelona: «Nach dem Besuch des Unglücksorts bin ich sicher, dass wir die Ursache ermitteln werden, wenn wir auch die zweite Blackbox finden.»

Bundeskanzlerin Angela Merkel flog mit Präsident Hollande über den Absturzort, wie Regierungssprecher Steffen Seibert der Deutschen Presse-Agentur bestätigte. Mit im Helikopter saß auch Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, aus deren Bundesland mehr als 50 Opfer stammen. Beim Aufprall der Maschine waren alle 150 Menschen an Bord am Dienstag ums Leben gekommen. Die meisten Opfer stammen aus Deutschland und Spanien.

Die Lufthansa wollte Angehörige und Freunde der deutschen und der spanischen Opfer am Donnerstag mit Sonderflügen nach Marseille bringen, sagte Spohr in Barcelona. Einige Angehörige kamen schon in der Region an. Abgeschirmt von der Presse wurden sie psychologisch betreut, im Sportzentrum von Seyne-les-Alpes wurde für sie eigens ein Ort der Stille und der Trauer eingerichtet.

An Bord der verunglückten Maschine waren unter anderem 16 Schüler aus dem westfälischen Haltern, die per Los für die verhängnisvolle Spanien-Reise ausgewählt worden war, wie eine Sprecherin der Bezirksregierung sagte. Eine Schülerin hätte den Flug nach Informationen der spanischen Zeitung «El País» fast verpasst, weil sie ihren Ausweis bei der Gastfamilie vergessen hatte.

Vor dem Joseph-König-Gymnasium in Haltern erinnerte am Mittwoch ein Lichtermeer an die 16 Schüler und 2 Lehrerinnen. «An unserer Schule wird nichts mehr so sein, wie es vorher war», sagte Schulleiter Ulrich Wessel. «Gestern waren wir viele. Heute sind wir allein», stand auf einem Schild auf dem Schulhof.

Nach Angaben von Germanwings-Chef Thomas Winkelmann waren 72 Bundesbürger an Bord der Unglücksmaschine. Aus Spanien stammten nach Angaben aus Regierungskreisen in Madrid 51 Opfer. Die Maschine war auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf, als sie minutenlang an Flughöhe verlor und schließlich an dem Bergmassiv zerschellte.

Merkel dankte den Einsatzkräften für deren Arbeit: «Das ist ein Zeichen unglaublicher Freundschaft und Hilfe. Wir sind sehr dankbar», sagte die Kanzlerin. Bergungsteams seilten sich von Hubschraubern in das unwegsame Gelände ab. Rund 50 Spezialkräfte waren zu Fuß zum Absturzort aufgestiegen; sie übernachteten in Biwaks.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) betonte in Berlin, es gebe keine belastbaren Hinweise dafür, dass Dritte den Absturz herbeigeführt hätten. Sein französischer Amtskollege Bernard Cazeneuve erklärte, es seien weiter alle Hypothesen auf dem Tisch.

Die Staatsanwaltschaft von Marseille nahm Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung auf. Die Flugüberwachung habe kurz vor dem Unglück vergeblich versucht, Kontakt zu dem Airbus herzustellen, sagte Staatsanwalt Brice Robin. Düsseldorfer Staatsanwälte übernahmen die deutschen Ermittlungen. Auch Experten der Braunschweiger Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung sind in Frankreich im Einsatz. Das Bundeskriminalamt bereitet sich darauf vor, bei der Identifizierung der Opfer mitzuhelfen.

Das Bundesinnenministerium ordnete Trauerbeflaggung an allen Bundesbehörden an. Auch in Nordrhein-Westfalen und anderen Bundesländern wehen die Fahnen an Dienstgebäuden auf halbmast. Im Bundestag soll am Donnerstag der Opfer des Unglücks gedacht werden. Neben den deutschen waren auch Passagiere aus Spanien, Australien, Argentinien, Iran, Venezuela, den USA, Großbritannien, Niederlande, Kolumbien, Mexiko, Japan, Dänemark, Belgien und Israel an Bord.

24 Stunden nach dem Absturz wurde am Mittwoch um 10.53 Uhr mit einer Gedenkminute auf deutschen Flughäfen an die Opfer erinnert. Weltweit beteiligten sich Mitarbeiter von Germanwings, Lufthansa und anderen Fluggesellschaften. Auch das Bundeskabinett in Berlin legte eine Schweigeminute ein.

Etliche Germanwings-Besatzungen erklärten sich am Mittwoch für nicht einsatzbereit. Grund sei «der Schockzustand sowohl beim Kabinen- wie beim Cockpitpersonal», sagte ein Sprecher der Fluggesellschaft. Am Mittwoch sagte die Fluglinie anders als am Vortag nur einen einzigen Flug ab; ihren Flugbetrieb stemmte sie mit Hilfe der Konkurrenz.