Erst Hitze, dann Blitze: Heftige Gewitter und Tornado-Warnung

Reißende Fluten auf den Straßen, voll gelaufene Keller und brennende Häuser: Unwetter mit Blitz und Donner haben in weiten Teilen Deutschlands gewütet. Es entstanden Millionenschäden.

Erst Hitze, dann Blitze: Heftige Gewitter und Tornado-Warnung
Julian Stratenschulte

Im münsterländischen Dülmen starb ein 80-Jähriger im Kampf gegen eindringendes Wasser in einem Keller. Im schleswig-holsteinischen Brunsbüttel hielt ein Supermarkt-Dach den Wassermassen nicht stand und brach ein. Von den Unwettern in der Nacht und im Laufe des Donnerstages waren Teile fast aller Bundesländer betroffen. Die Meteorologen warnten vor weiteren Gewittern und sogar Tornados. An diesem Freitag (7.04 Uhr) ist kalendarischer Sommeranfang.

Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen richteten Unwetter große Schäden an. Häuser und Straßen wurden überflutet, Unterführungen liefen voll. Bäume knickten um. Blitzeinschläge lösten Brände aus. Mehrere Menschen wurden verletzt. Die Feuerwehren rückten zu hunderten Einsätzen aus. Betroffen waren vor allem der Raum Köln/Bonn, das Bergische Land, das östliche Ruhrgebiet sowie das Münsterland. In Bochum fielen in zwei Stunden mehr als 70 Liter Regen auf den Quadratmeter, die Feuerwehr rückte mehr als 350 Mal aus. «Das ist schon wie Monsun in Indien», sagte Meteorologe Thomas Ruppert.

Mehr als ein Dutzend Bahnstrecken wurde wegen Oberleitungsschäden sowie unter- oder überspülter Gleise gesperrt. Wann die Sperrungen vorbei sind, blieb zunächst unklar. Betroffen waren unter anderem die Regionen Bonn, Gummersbach, Dortmund und Münster. Züge des Fernverkehrs verspäteten sich. Für den späten Abend erwarteten die Meteorologen eine weitere Unwetterfront. In Köln-Porz befreiten Einsatzkräfte einen 71-Jährigen aus einer überfluteten Tiefgarage - er hatte seine Katze im Wasser gesucht. In Münster stürzte ein Baum um und traf ein fahrendes Auto mit vier Insassen und einen Rollerfahrer - alle fünf wurden verletzt.

Bei der Polizei Bonn gingen bis zum frühen Nachmittag allein mehr als 850 Notrufe ein. Am Bonner Hauptbahnhof wurde eine Unterführung überschwemmt. Der Straßenbahnverkehr wurde dort unterbrochen. Auch in Düsseldorf oder Dortmund schüttete es später wie aus Eimern. Passanten flüchteten sich in Geschäfte und unter Dächer. Es donnerte so heftig, dass einige Mädchen schrien. Bereits am Mittwochabend und in der Nacht hatte es erste Regionen in NRW getroffen. In Gütersloh standen laut Polizei rund 120 Keller und Tiefgaragen unter Wasser.

Auch in Niedersachsen war viel los: «Im gesamten Gebiet ging quasi die Welt unter», sagte Britta Breuers von der Polizeidirektion in Oldenburg. In mehreren Landkreisen Niedersachsens brannten Gebäude nach Blitzeinschlägen. In Scheeßel, wo vor Beginn des Hurricane-Festivals tausende Musikfans ankamen, forderte der Veranstalter am Donnerstagabend die Besucher auf, die Zelte zu sichern und sich in Autos in Sicherheit zu bringen.

In Bremen hielten fast 100 Einsätze Feuerwehr und Polizei auf Trab, in Hamburg waren es rund 150 Einsätze.

In Schleswig-Holstein musste die Feuerwehr mehr als 1000 mal ausrücken. Laut Bahn kam es auf den Strecken Kiel-Lübeck, Büchen-Lüneburg sowie Neumünster-Kiel zu Verspätungen, weil Bäume von den Gleisen geschafft werden mussten.

In Mecklenburg-Vorpommern richteten die Hitzegewitter teils erhebliche Schäden an. Im Raum Rostock knickten Sturmböen mehrere Bäume um. Im Landkreis Ludwigslust-Parchim brach Stunden nach dem Gewitter ein fünf Meter langer Ast von einem Baum und stürzte auf die Windschutzscheibe eines vorbeifahrenden Kleintransporters.

In Sachsen-Anhalt stürzten Strommasten um, wurden Bäume entwurzelt und liefen Keller voll. Nach Angaben der Polizei war vor allem der Saale-Kreis im Süden betroffen. In Arendsee geriet eine Scheune in Brand. Verletzt wurde niemand.

Auch in weiten Teilen Sachsens tobte am Donnerstagabend ein Gewitter, nach Angaben der Polizei war vor allem das Vogtland betroffen, in Brandenburg vor allem die Märkische-Schweiz, die Niederlausitz und das Havelland.

Viel Regen verursachte auch in Rheinland-Pfalz und dem Saarland Einsätze der Feuerwehr. Keller liefen voll, Straßen waren überschwemmt. Auf der Bahnstrecke Trier-Koblenz rutschte Erdreich auf Gleise. Sie musste zeitweise in beide Richtungen gesperrt werden.

Das extreme Wetter belastet auch einige Autobahnen. Zuerst setzten die Fluten Teile der Fernstraßen unter Wasser, nun sprengt große Hitze an manchen Stellen den Straßenbelag. Der hohe Sanierungsbedarf verstärke sich so noch weiter, sagte ADAC-Experte Jürgen Berlitz.

Nach der Hitze der vergangenen Tage wird zum kalendarischen Sommeranfang unbeständiges, wechselhaftes Wetter erwartet. Der Deutsche Wetterdienst in Offenbach warnte vor heftigen Unwettern in der Nacht, auch Tornados seien nicht ausgeschlossen, sagte Meteorologe Thomas Ruppert. «Leute, bleibt lieber zu Hause», lautete sein Rat. «Die Wetterlage hat Zunder.»