Essebsi wird erster demokratischer Präsident in Tunesien

Vier Jahre nach der Jasminrevolution bekommt Tunesien den ersten demokratisch gewählten Präsidenten. Die Wahlkommission in Tunis den Sieg des langjährigen Regierungspolitikers Béji Caïd Essebsi bekannt.

Laut vorläufigem Ergebnis kam er auf 55,68 Prozent der Stimmen. Sein Gegner Moncef Marzouki, der bisherige Übergangspräsident, erhielt 44,32 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag in Tunesien und im Ausland den Angaben zufolge bei insgesamt 60,11 Prozent. Das offizielle Endergebnis wird nach einer Beschwerdefrist zum Ende des Monats erwartet.

Essebsis Team hatte den 88-Jährigen bereits am Vorabend zum Sieger erklärt. Essebsi hatte im November schon in der ersten Runde die meisten Stimmen von 27 Kandidaten errungen, musste aber gegen seinen zweitplatzierten Rivalen in die Stichwahl. Marzouki hatte im Wahlkampf auf die Stimmen der Islamisten gehofft, da deren Ennahda-Partei keinen eigenen Kandidaten ins Rennen geschickt hatte.

Der agile Essebsi ist Chef der Allianz Nidaa Tounes, die liberale und säkulare Kräfte, jedoch auch Anhänger des 2011 gestürzten Machthabers Zine el Abidine Ben Ali vereint. Sie gewann im Oktober die Parlamentswahl.

Nach der Jasminrevolution war Essebsi mehrere Monate Ministerpräsident. Schon unter Staatsgründer Habib Bourguiba war er Innen-, Außen- und Verteidigungsminister. Viele Tunesier schätzen seine Lebenserfahrung. Im Wahlkampf punktete er mit dem Thema Innere Sicherheit.

Einige Anhänger Marzoukis protestierten nach Bekanntwerden erster Prognosen gegen den Wahlsieg Essebsis. Die Polizei setzte nach Angaben von Augenzeugen in der südlichen Kleinstadt El Hamma Tränengas ein, nachdem Dutzende junge Tunesier Autoreifen angezündet und Straßen blockiert hatten.

Tunesien ist das Geburtsland des Arabischen Frühlings. Nach dem Sturz Ben Alis begannen in Ägypten, Libyen, Syrien und anderen Ländern Massenproteste. Die Tunesier haben seitdem vieles erreicht: Trotz mehrerer politischer Krisen gibt es inzwischen eine neue Verfassung, ein neues Parlament und nun auch den ersten demokratisch gewählten Präsidenten.

Essebsi ist einer der ältesten Staatschefs bei Amtsantritt - vielleicht sogar der älteste. Denn Saudi-Arabiens 90-jähriger König Abdullah bestieg schon vor neun Jahren den Thron. Israels Schimon Peres war zum Ende seiner siebenjährigen Amtszeit diesen Sommer mit fast 91 Jahren der älteste Präsident der Welt.