Ex-FIA-Chef über Krise: Wandel ist zu weit gegangen

In der schwersten Krise der Formel 1 seit langem hat der ehemalige Weltverbandspräsident Max Mosley schnelles Handeln gefordert.

Ex-FIA-Chef über Krise: Wandel ist zu weit gegangen
Gerry Penny Ex-FIA-Chef über Krise: Wandel ist zu weit gegangen

«Man muss alle Teams an einen Tisch bringen und ihnen erklären, dass die Formel 1 ein massives Problem hat, weil einige genug Geld haben, die meisten aber nicht», sagte der 74-Jährige im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Der Brite machte sich erneut für eine Budgetgrenze stark. «Wenn ein Team fünfmal soviel Geld hat, ist der Effekt der gleiche, als wenn sie einen größeren Motor hätten. Das ist unfair», erklärte Mosley.

Sie haben über Jahrzehnte eine wichtige Rolle in der Formel 1 gespielt. Wie hat sich die Rennserie über die Jahre verändert?

Enorm. Zum einen beim Sicherheitsaspekt. Mein erstes großes Formel-2-Rennen war im April 1968 in Hockenheim, als Jim Clark starb. Damals waren 21 Autos am Start, von diesen 21 Piloten waren drei bis Juli tot. Das zweite, das sich geändert hat, ist das Geld und die Leute, die involviert sind. Damals hatte ein Team wie Tyrrell vielleicht 20 Angestellte und hat die WM gewonnen. Jetzt reden wir über 700 bis 1000. Wir hatten für unser erstes Jahr mit March in der Formel 1 ein Budget von 113 000 Pfund. Inflationsbereinigt wären das heute irgendwas zwischen einer und zwei Millionen. Heute aber braucht man hundertmal soviel, um dasselbe zu erreichen. Das ist unverhältnismäßig. Natürlich ist die Technik großartig. Aber das Publikum sieht 90 bis 95 Prozent davon nicht, weil die Teams es als ihr Geheimnis hüten. Dieser Wandel ist zu weit gegangen. An einem gewissen Punkte hätte es eine Grenze dafür geben müssen, was man ausgeben darf. Ich wollte so etwas einführen am Ende meiner Amtszeit bei der FIA, aber ich hatte keinen Erfolg.

Hätten die Verantwortlichen damals auf Sie hören sollen?

Natürlich denke ich das, aber ich bin sicher nicht unparteiisch. Was passieren muss, ist, dass das Geld, was durch Bernie Ecclestones Vermarktung in die Formel 1 kommt, unter allen Teams gleichmäßig verteilt wird und die Teams nicht spürbar mehr als das ausgeben dürfen. Ein sportlich erfolgreiches Team würde dann viele Sponsoren gewinnen und einen hohen Profit erzielen, ein erfolgloses Team eben nicht. Die Situation im Moment ist, dass die reichen Teams mehr Geld von Bernie bekommen und mehr Sponsoren haben. Also sind sie in einer starken Position und die andere Hälfte der Teams kann nicht mithalten, weil sie nicht genug Geld haben. Das ist doch falsch. Man würde ja auch keinem Team erlauben, einen besseren Motor zu benutzen. Aber wenn ein Team fünfmal soviel Geld hat, ist der Effekt der gleiche, als wenn sie einen größeren Motor hätten. Das ist unfair.

Sehen Sie einen schnellen Ausweg aus dieser Situation?

Der einzige Weg ist, dass man Einigkeit unter allen herstellen muss. Man muss alle Teams an einen Tisch bringen und ihnen erklären, dass die Formel 1 ein massives Problem hat, weil einige genug Geld haben, die meisten aber nicht. Und wenn es so weitergeht, dann bricht die Formel 1 zusammen. Also müssen alle gemeinsam an einem Wandel mitwirken. Verträge können nur geändert werden, wenn alle zustimmen. Das ist möglich, aber man muss es den Leuten wirklich glasklar machen. Ich hatte 2008 alle Teams beisammen und habe ihnen erklärt, dass eine große Krise bevorsteht und wahrscheinlich einige Autohersteller aussteigen werden. Mein Vorschlag war eine Budgetgrenze, bis auf Ferrari waren alle dafür. Und ich denke, wir hätten auch Ferrari überzeugen können. Aber dann sind andere Ereignisse dazwischengekommen.

Sie haben viele Jahre mit Formel-1-Geschäftsführer Ecclestone zusammengearbeitet. Ist es gut für die Rennserie, dass ein 84-Jähriger in so einer zentralen Position ist?

Man braucht ein gewisses Gleichgewicht zwischen dem Sport und dem Geld. Als ich FIA-Präsident war, haben wir das gut hinbekommen. Wenn es ein Problem gab, konnte ich durchaus eine Gegenposition zu Bernie einnehmen und anders als er handeln. Wenn es diese Balance nicht gibt und alles in einer Hand liegt, dann gibt es ein Problem.

Ist das jetzt so?

Ja, ich glaube schon. Ich kenne die Verträge nicht, aber so wie ich es verstehe, kann Bernie zusammen mit den Teams die FIA überstimmen. Die FIA scheint mir nicht mehr in so einer starken Position zu sein wie es einmal war.

Wie zufrieden sind Sie mit dem, was Sie erreicht haben?

Insgesamt bin ich ganz zufrieden. Am meisten bedauere ich, dass ich es nicht geschafft habe, einen klaren Weg für junge Rennfahrer vom Kartsport für Kinder bis zur Formel 1 zu ebnen, ohne dass man viel Geld haben muss. Es müsste möglich sein, dass ein Talent sich entwickelt und es am Ende in die Formel 1 schafft, ohne dass ihn jemand finanziert oder die Eltern mehrere Jobs annehmen müssen. Es sollte einfacher sein. Das hätte ich tun müssen.

 Der Brite Max Rufus Mosley war von 1993 bis 2009 Präsident des Internationalen Automobilverbands FIA. Schon davor war der Jurist über Jahrzehnte im Motorsport engagiert, als Rennfahrer, Mitgründer des Formel-1-Teams March und Funktionär.