Experte über Giftgas-Inspektionen: Schuldzuweisungen nicht einfach

Chemiewaffen-Experten versuchen in Syrien herauszufinden, ob die Bevölkerung mit Giftgas angegriffen wurde.

Sollten Kampfstoffe eingesetzt worden sein, könnten sie vor Ort wahrscheinlich auch nachgewiesen werden, erklärt Stefan Mogl (48), Experte für chemische Waffen beim Schweizer Bundesamt für Bevölkerungsschutz, im Interview der Nachrichtenagentur dpa. Schwieriger sei die Frage, wer für den Angriff verantwortlich sei.

Frage: Vorausgesetzt, die Inspekteure kommen sicher an den Ort des Geschehens - wie kann man Chemiewaffen dann eigentlich nachweisen?

Antwort: Wenn man einen Kampfstoffeinsatz nachweisen will, dann muss man den Stoff irgendwie finden. Das heißt, man muss Proben nehmen und man muss sie analysieren lassen und schauen, ob man in diesen Proben Kampfstoffspuren oder Abbauprodukte von Kampfstoffen findet.

Frage: Wovon genau nehmen die Inspekteure Proben?

Antwort: Man kann zwei Gruppen unterscheiden. Klinische Proben sind Proben von exponierten Personen. Von Überlebenden würde man Urinproben oder Blutproben nehmen. Man kann auch von Verstorbenen gewisse Proben nehmen. Diese biomedizinische Analytik ist eine Spur anspruchsvoller als die Analytik von Umweltproben. Das ist dann die zweite Gruppe, Umweltproben ist ein Überbegriff für so ziemlich alles, was mit dem Kampfstoff in Berührung hätte kommen können. Bodenproben von der Einschlagstelle der Munition, Wischproben vom Munitionskörper, Kleidungsstücke von exponierten Personen oder Oberflächenproben aus Räumen.

Frage: Können die Proben vor Ort untersucht werden?

Antwort: Generell wären die Inspektoren imstande, auch vor Ort eine gewisse Analytik durchzuführen. Ich würde im vorliegenden Fall davon ausgehen, dass das Team nur dazu vorbereitet ist, die Proben zu verpacken und direkt zu versenden. Das wäre viel zu kompliziert und vielleicht auch zu gefährlich, das vor Ort machen zu wollen.

Frage: Kann man auch herausfinden, wer die Kampfstoffe verwendet hat?

Antwort: Generell ist es sicher nicht einfach, eine Schuldzuweisung zu machen. Der erste Schritt wird sein, herauszufinden, ob ein Kampfstoff eingesetzt wurde oder nicht. Wenn man die Bestätigung hat, dann muss man versuchen, das über die Munition, über Gefechtsbeobachtung zu etablieren. Aus welcher Richtung wurde geschossen? Aus welchem Gebiet kam die Munition? Wer hatte die Möglichkeit, diese Munition zu schießen? Aber das ist wahrscheinlich nicht einfach. Es kommt sehr auf die Munition an - wenn man welche findet.

Frage: Und wie schnell kann man mit Ergebnissen rechnen?

Antwort: Ich würde schon mindestens eine Woche veranschlagen, damit man auch eine umfangreiche, seriöse Analytik durchführen kann. Die ersten Resultate sind vielleicht sehr schnell da, aber ich denke mal, dass sich jedes Labor, das mit solchen Proben bedient wird, ganz genau absichern wird, dass die Analysen voll verlässlich sind. Aber das ist Spekulation. Bei uns im Labor würde es ein paar Tage dauern.

Frage: Es gibt Bedenken, dass Beweise längst vernichtet sein könnten. Kann man die Proben überhaupt manipulieren?

Antwort: Gerade bei den Umweltproben ist es entscheidend, dass die Inspekteure an den Ort kommen, wo die Munition wirklich angekommen ist. Wenn sie freies Geleit haben und dort hinkommen, wo die Munition auch eingeschlagen ist, dann kann man das noch nachweisen.

Frage: Und wie sieht es mit klinischen Proben von Menschen aus?

Antwort: Die Spitäler kennen das mittlerweile ja auch, die haben wahrscheinlich schon Proben sichergestellt von Patienten. Man kann natürlich im Nachhinein immer behaupten, jemand hätte den Proben noch etwas hinzugefügt. Wenn sie nichts finden in der Probe, dann ist die Sache einfach. Aber wenn sie eine Probe analysieren und es war etwas drin, dann muss man lückenlos beweisen, dass die Proben durch eine unabhängige Organisation genommen und dann versiegelt wurden. Sonst bleibt immer die Möglichkeit, dass jemand behaupten kann, diese Probe sei manipuliert worden.