Fahndung nach zweitem Terrorverdächtigen

Nach den blutigen Anschlägen von Brüssel sucht die Polizei laut Medienberichten nach zwei flüchtigen Terrorverdächtigen. Demnach soll der Selbstmordattentäter in der Brüsseler Metro in Begleitung eines Mannes mit einer großen Tasche gewesen sein.

Fahndung nach zweitem Terrorverdächtigen
Thierry Roge / Pool Fahndung nach zweitem Terrorverdächtigen

Die Polizei kontrollierte Züge, Flughäfen und Grenzen. Wegen möglicher Versäumnisse von Justiz und Polizei bei der Terrorfahndung boten zwei belgische Minister ihren Rücktritt an.

Der Attentäter in der Brüsseler Metro, Khalid El Bakraoui, soll nicht alleine gewesen sein, berichteten belgische und französische Medien. Auf Bildern einer Überwachungskamera sei ein zweiter Mann zu sehen. Wenig wahrscheinlich sei, dass dieser Mann bei der Explosion getötet wurde. Zudem fahndet die Polizei weiter nach einem Komplizen der Attentäter, der vom Flughafen Brüssel geflüchtet sein soll. Somit könnte das Terrorkommando aus mindestens fünf Tätern bestanden haben. Drei hatten sich in die Luft gesprengt.

In der belgischen Hauptstadt waren am Dienstag bei Explosionen am Flughafen und in der U-Bahn-Station Maelbeek mindestens 31 Menschen getötet und rund 300 verletzt worden. Eine Frau aus Aachen wird laut Polizei weiter vermisst. Ihr Ehemann sei mit schweren Verletzungen in ein belgisches Krankenhaus gebracht worden. Laut Auswärtigem Amt sind deutsche Todesopfer nicht ausgeschlossen, die Zahl der deutschen Verletzten bewegt sich demnach im einstelligen Bereich.

Alle drei Selbstmordattentäter sind in Belgien geboren und hatten Verbindungen zu den islamistischen Drahtziehern der Anschläge von Paris. Es handelt sich um die Brüder Ibrahim (29) und Khalid (27) El Bakraoui sowie Medienberichten zufolge um den 24-jährigen Najim Laachraoui. Letzterer war wegen der Anschläge von Paris erst vor kurzem zur Fahndung ausgeschrieben worden. Khalid El Bakraoui wurde seit Dezember per Haftbefehl gesucht, weil er für die Pariser Attentäter unter falschem Namen eine Wohnung gemietet haben soll.

Zu den Pariser Attentätern gehörte nach Überzeugung der Ermittler auch Salah Abdeslam, der sich entgegen früherer Äußerungen nun doch nach Frankreich ausliefern lassen will. Er wolle sich dort erklären, sagte der Anwalt des 26-jährigen Franzosen am Donnerstag in Brüssel. Bislang hatte sich Abdeslam gegen die von Frankreich beantragte Auslieferung gewehrt. Er war am vergangenen Freitag in der Brüsseler Gemeinde Molenbeek festgenommen worden und sitzt in Untersuchungshaft. Er stand den bisherigen Ermittlungen zufolge auch in Kontakt zur Brüsseler Terrorzelle.

Belgiens Innenminister Jan Jambon und Justizminister Koen Geens stellten wegen möglicher Fahndungspannen im Fall Ibrahim El Bakraoui ihre Ämter zur Verfügung. Die Türkei hatte laut Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan im Juli 2015 gewarnt, der von ihr ausgewiesene Mann sei ein «terroristischer Kämpfer». Die belgischen Behörden ließen ihn dennoch auf freiem Fuß. «Man hat die Information wohl weitergegeben, aber man ist nicht sehr schnell gewesen; oder nicht schnell genug», sagte Geens dem Fernsehsender VRT. Premierminister Charles Michel lehnte die Rücktrittsgesuche ab.

Die Brüsseler Terrorzelle spionierte nach Medienberichten auch einen hochrangigen Atomforscher aus. Die Brüder El Bakraoui hatten laut der Tageszeitung «La Dernière Heure» eine heimlich vor dem Haus des Wissenschaftlers in Flandern montierte Überwachungskamera entfernt. Anti-Terror-Fahnder entdeckten die Aufnahmen der Kamera bei Ermittlungen zu den Pariser Terroranschlägen im belgischen Ort Auvelais. Eine Theorie lautet, dass die Islamisten von dem Forscher radioaktives Material für eine sogenannte schmutzige Bombe erpressen wollten.

Die für Innere Sicherheit zuständigen EU-Minister kamen am Donnerstag zu einem Sondertreffen in Brüssel zusammen. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) bekräftigte dort seine Forderung nach einem besseren Informationsaustausch zwischen den Sicherheitsbehörden in Europa und monierte die fehlende Kooperation einiger nationaler Stellen. EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker sagte, Vorschläge für mehr Sicherheit in Europa lägen seit Monaten auf dem Tisch.

In Brüssel herrschte derweil weiter Anspannung, zumal es erneut Polizeieinsätze in der Nähe des EU-Viertels gab. Über deren Ergebnis wurde zunächst aber nichts bekannt. Auch die Spurensuche am Brüsseler Flughafen ging weiter.

Tausende Menschen gedachten in einer Schweigeminute der Opfer vom Dienstag. Belgiens König Philippe und Königin Mathilde besuchten ein Krankenhaus in Löwen und ließen sich Metallteile zeigen, die Ärzte aus den Körpern von Anschlagsopfern entfernt hatten.

In der deutschen Grenzregion zu Belgien und Luxemburg gibt es weiter verstärkte Polizeikontrollen. Innereuropäische Flüge von und nach Brüssel werden bis mindestens Sonntag über die Flughäfen in Antwerpen und Lüttich abgewickelt. Am Frankfurter Flughafen bleiben die Sicherheitsmaßnahmen auch am Osterwochenende erhöht. Vor dem Fußball-Länderspiel Deutschland-England am Samstag in Berlin sind Sicherheitskräfte besonders präsent - eine Absage ist aus Sicht von Experten bislang aber nicht nötig.