Feature: Am Tag nach der Bluttat

Am Morgen nach der Bluttat wirkt das Ferienhotel «Imperial Marhaba» verlassen. Mit weißen Liegestühlen ist am Strand vor der Hotelanlage eine Art Zaun gebaut worden, zusammengebunden mit einem gelb-schwarzen Absperrband.

Feature: Am Tag nach der Bluttat
Andreas Gebert Feature: Am Tag nach der Bluttat

Dahinter liegen vereinzelt Blumen im Sand oder auf den Liegen. Ein Ball wurde zurückgelassen und auch ein Buch. Urlauber sind nicht zu sehen, und am Strand sind nur noch vereinzelt Touristen, die von Journalisten interviewt werden.

Noch immer ist nicht ganz klar, was genau am Vortag geschah, als ein Student aus der ärmlichen nordtunesischen Provinz Siliana in der Hotelanlage eine Waffe zückte und einen Urlauber nach dem anderen erschoss. Manche sagen, er sei auf einem Surfbrett angepaddelt gekommen. Andere wiederum betonen, er sei zu Fuß gewesen, die Waffe habe er in einem Sonnenschirm versteckt. Da er keinen Bart gehabt und kurze Hosen getragen habe, sei keiner der Wachleute misstrauisch geworden. Am Ende waren mindestens 39 Menschen tot - die Bilanz des schlimmsten Angriffs auf Touristen in der Geschichte Tunesiens.

Ein italienischer Urlauber erzählt, dass er täglich einen Strandspaziergang mache, immer zur selben Zeit - jener Zeit, zu der sich auch der Angriff ereignete. Am Tag der Attacke habe er sich entschieden, in die andere Richtung zu gehen. «Sonst wäre ich dem Täter in die Arme gelaufen», sagt er.

Für viele Gäste auch in den Nachbarhotels ist der Badeurlaub nun beendet. Sie warten ungeduldig in der Lobby darauf, endlich vom Reiseveranstalter abgeholt und wieder in ihre Heimatländer gebracht zu werden. Unter ihnen ist auch die Familie Schneider aus der Nähe von Stuttgart. «Deutschland hat uns richtig im Stich gelassen», sagt die Urlauberin Anna Schneider. Sie möchte keine Minute länger an diesem Ort bleiben, der sie an die schreckliche Szenerie des Vortags erinnert.

«Ich bin ohnmächtig geworden, als die Schüsse fielen», sagt sie. Die Menschen seien in Panik geraten, hätten alles liegenlassen und seien barfuß geflüchtet. «Der Strand sah aus wie ein Schlachtfeld.» Seitdem möchte sie nur noch fort. «Wir haben die ganze Nacht nicht geschlafen.» Während andere Hotelgäste von Bussen abgeholt worden seien, müssten sie noch weiter ausharren. «Ich kann nicht mehr am Strand liegen, ich kann nicht mehr am Pool liegen, weil die Verbrecher und Terroristen sind vom Strand gekommen.»

Andere Urlauber sind noch ein wenig unsicher. Sie warten auf die Beratung ihrer Reiseveranstalter. «Wenn wir hierbleiben können, bleiben wir hier», sagt ein Mann aus dem Westerwald, der seinen Namen nicht nennen will und zu den wenigen Badenden am Strand gehört. Eine Woche Urlaub habe er nämlich noch vor sich. Doch außer wenigen Touristen und Journalisten ist kaum noch jemand am Strand.

Wie es in dem beliebten Ferienort 120 Kilometer südlich der Hauptstadt Tunis nun weitergeht, ist offen. Vorerst jedenfalls ist die gerade begonnene Touristensaison wohl beendet. Ein junger Animateur aus dem Komplex des «Imperial Marhaba» weiß nicht, wie es für ihn weitergeht. «Vielleicht werde ich beurlaubt», sagt er resigniert. Er steht mit einer Gruppe Ausländern am Strand vor der Anlage. Er versucht, ihnen den restlichen Aufenthalt noch so erträglich wie möglich zu machen - und hofft auf Weiterbeschäftigung.

Für viele Mitarbeiter der Hotels dürfte die Saison mit dem tödlichen Übergriff jedoch gelaufen sein. Denn die meisten Angestellten sind Saisonarbeiter ohne feste Verträge. Und wenn die Gäste fortbleiben, haben auch sie keine Arbeit mehr.