Ferguson-Proteste: «Nur die Spitze des Eisbergs»

Ein Mann steht vor der rußgeschwärzten Ruine eines Gebäudes auf der South Florissant Road in Ferguson. Plünderer haben das Haus nach der Entscheidung gegen die Anklage eines weißen Polizisten im Fall Michael Brown in Brand gesetzt.

Ferguson-Proteste: «Nur die Spitze des Eisbergs»
Tannen Maury Ferguson-Proteste: «Nur die Spitze des Eisbergs»

«Ich heiße nicht gut, was hier passiert ist und ich lehne Gewalt ab», sagt Sean McKinley. «Aber ich weiß, warum die Leute das gemacht haben und ich kenne die Probleme, gegen die sie ankämpfen.»

Die Geschäftsleute in der zu St. Louis im US-Bundesstaat Missouri gehörenden Stadt hatten nach den nächtlichen Ausschreitungen den Tag damit verbracht, Glasscherben zusammenzukehren und zerbrochene Fenster mit Sperrholz zu vernageln. In der Nacht auf Mittwoch verliefen die Proteste dann etwas friedlicher. «Ich bin der Meinung dass es falsch war, die Läden zu zerstören», sagt der 29-jährige McKinley. «Mir tut es für die Besitzer leid. Denn so büßen die Falschen.»

Die Gewalt brach am späten Montagabend aus. Zuvor hatte sich eine Grand Jury von zwölf Geschworenen gegen eine Anklage des Polizisten Darren Wilson entschieden. Wilson hatte den schwarzen Teenager im August erschossen. Der 18-jährige Brown war zu diesem Zeitpunkt unbewaffnet.

Der zuständige Staatsanwalt sagt, der Jugendliche habe den Polizisten nach einem Wortwechsel angegriffen und nach der Waffe des im Auto sitzenden Beamten gegriffen. Noch im Auto seien zwei Schüsse gefallen. Der Polizist sei dem Teenager dann hinterher gelaufen. Es gebe Beweise, dass dieser sich umgedreht habe und auf Wilson zugekommen sei. Der Polizist feuerte dann zehn Schüsse ab.

Zeugen hatten berichtet, dass Brown wehrlos gewesen sei, seine Hände gehoben und der Polizist ihm in den Rücken geschossen habe. Doch viele dieser Aussagen seien falsch gewesen, sagt der Staatsanwalt. Brown habe keine Schussverletzungen im Rücken gehabt.

Demonstranten sehen einen neuen Fall von Rassismus. Die Entscheidung der Justiz hat wütende Reaktionen ausgelöst. Mindestens ein Dutzend Gebäude in Ferguson wurden geplündert oder angezündet, darunter Restaurants und Kosmetikläden. Die Demonstranten setzten Fahrzeuge in Brand, auch zwei Polizeiautos. Nach der Randale vom Montag nahm die Polizei 61 Menschen fest.

Einige Anwohner überlegen, wegzuziehen, sollten die gewalttätigen Proteste weitergehen: Sie sei durchaus für friedliche demonstrationen, erklärt Meagan Bailey. «Aber Häuser anzünden und das Zeug anderer Leute zu plündern - ich weiß nicht, welche Art von Gerechtigkeit hier erreicht werden soll.» Die 36 Jahre alte Mutter von drei Kindern sagte: «Wir wollen Gerechtigkeit für Michael Brown - das verdient er - aber man sollte dabei nicht anderen Menschen Unrecht antun.»

Viele machen die Polizei mitverantwortlich. Es sei erwartbar gewesen, dass es nach der Jury-Entscheidung zu Unruhen kommen könnte. Trotzdem sei die Polizei schlecht vorbereitet gewesen. Die von Gouverneur Jay Nixon zu Hilfe gerufenen Nationalgardisten hätten nur Amtsgebäude beschützt, nicht aber Häuser und Läden, lautete der Vorwurf.

Ob sich die Wut mancher Demonstranten von der Polizei zügeln lässt, bleibt abzuwarten: Charles - seinen vollen Namen will er nicht nennen - steht bei einem improvisierten Mahnmal für Brown an der Stelle, wo der Teenager erschossen wurde. Sein Gesicht versteckt er hinter einem Tuch. Charles meint, nun sei der richtige Zeitpunkt gekommen, um Ärger und Frust in die Öffentlichkeit zu tragen. «Wir haben nun die Aufmerksamkeit der Behörden, der Medien und der Menschen...Wir werden nicht damit aufhören.» Das könnten auch die Straßensperren der Polizei nicht verhindern. Und der 21-jährige Dexter droht: Was Montagnacht passiert sei, «war nur die Spitze des Eisbergs».