Flüchtlinge mit Namen: Theatertreffen startet politisch

Die junge Sudanesin bringt das Problem auf den Punkt: «Sie nennen mich nicht Napuli, sie nennen mich Flüchtling». Ein Mensch ohne Name. Noch bevor die Zuschauer bei der Eröffnung des 52. Berliner Theatertreffens ihre Plätze gefunden haben, geht es am Freitagabend im Festspielhaus los.

Schauspieler vom Hamburger Thalia Theater und Flüchtlinge aus Afrika, Afghanistan, dem Iran und Pakistan stehen in Elfriede Jelineks Stück «Die Schutzbefohlenen» auf der Bühne. Im Videointerview erzählt Napuli, die durch die Besetzung eines Baumes am Berliner Oranienplatz bundesweit Schlagzeilen machte, dass sie in ihrer Heimat gefoltert wurde und von ihrem Kampf um Anerkennung in Deutschland.

In Nicolas Stemanns Inszenierung verleiht die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Jelinek den Flüchtlingen eine Stimme - von Schauspielern wie Barbara Nüsse und Sebastian Rudolph gesprochen. Selten gab es mit dieser wütenden Anklage der europäischen Asylpolitik einen brisanteren und politischeren Auftakt des Theatertreffens. Zum Festival der deutschsprachigen Bühnen werden jährlich die zehn «bemerkenswertesten» Inszenierungen der Saison nach Berlin eingeladen.

«Leider, leider ist das Stück topaktuell», sagt Stemann. Er entwickelt das von Aischylos' antikem Drama «Die Schutzflehenden» inspirierte Stück mit jeder Aufführung weiter, ergänzt aktuelles Material. Dabei geht es nicht nur um das Schicksal der aus ihren Ländern vor Krieg und Verfolgung Geflüchteten, sondern vor allem um die Europäer. Mit ihren Stilmitteln der Verfremdung, Brechung, Wortspielereien und bitteren Ironie erzählt Jelinek von Vorurteilen, Pseudo-Ängsten und Gutmenschentum, aber auch von völliger Ratlosigkeit.

Das Stück über eines der derzeit drängendsten Probleme der Menschheit reiche den Ball an die Zuschauer zurück, sagt der Regisseur. Die Inszenierung verbaue einfache Auswege. «Das Problem bleibt völlig ungelöst», so Stemann. Doch: «Im Einzelnen kann man schon was tun.» Deshalb ist der Abend nach dem Schlussapplaus auch nicht zu Ende.

In kleinen Gesprächsrunden stehen die als Bühnenchor auftretenden Flüchtlinge sowie Menschenrechtsaktivsten und Stemann selbst dem Publikum Rede und Antwort. Die Zahl der Theatertreffen-Besucher, die sich mit ihnen gemeinsam an einen Tisch setzen, bleibt allerdings überschaubar. Während im Saal auch die iranische Autorin Auskunft gibt, die wegen ihrer Schriften über Homosexualität und Transsexualität im Gefängnis landete, greifen im Foyer und Garten viele Gäste zum Weinglas und beginnen mit der Theatertreffen-Eröffnungsparty.

Beim diesjährigen Festival geht es in mehreren Stücken um Krieg, Vertreibung und Entwurzelung. «Es gibt ein neues politisches Theater», sagt Theatertreffen-Leiterin Yvonne Büdenhölzer. Frank Castorfs Brecht-Inszenierung von «Baal» zum Beispiel spielt am Kriegsschauplatz Vietnam und Indochina. Die Inszenierung vom Münchner Residenztheater wird in Berlin zum letzten Mal zu sehen sein. Die Brecht-Erbin hat sie wegen des ihrer Ansicht nach zu massiven Eingriffs in den Originaltext gerichtlich stoppen lassen.

Neben dem Thalia Theater Hamburg wurden auch das Wiener Burgtheater, das Schauspiel Stuttart, das Deutsche Schauspielhaus Hamburg, das Berliner Gorki Theater, die Münchner Kammerspiele und das Schauspiel Hannover nach Berlin eingeladen - die Einladung gilt in der Theaterbranche als hohe Auszeichnung. Schauspielerin Corinna Harfouch wird am nächsten Wochenende mit dem Berliner Theaterpreis geehrt.

Drei «Starke Stücke» vom Theatertreffen werden von 3sat übertragen. Zur Prime Time um 20.15 Uhr ist am Samstag (2. Mai) Yael Ronens Balkankrieg-Stück «Common Ground» vom Gorki Theater zu sehen. Am 9. Mai (20.15 Uhr) folgt Wolfram Lotz' «Die lächerliche Finsternis» (Regie Dusan David Parízek) vom Wiener Burgtheater. Am 23. Mai (20.15 Uhr) wird Ibsens «John Gabriel Borkman» (Regie Karin Henkel) vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg ausgestrahlt.