Fällt Kobane an die Fanatiker des IS?

Die Schlacht um Kobane steht auf Messers Schneide. Die Berichte sind widersprüchlich. Der Vormarsch der IS-Terrormiliz sei gebremst, hieß es. Dann wieder ist von einer Gegenoffensive der Dschihadisten die Rede.

Zunächst war von einem Teilrückzug der Dschihadisten aus der Stadt berichtet worden. Augenzeugen sagten aber, es gebe weiter heftige Gefechte auch innerhalb des strategisch wichtigen Grenzortes. Nach mehreren neuen Luftangriffen der internationalen Koalition auf IS-Stellungen seien die Kämpfe in der Stadt jeweils einige Stunden abgeflaut, um danach mit alter Heftigkeit fortgesetzt zu werden, berichtete ein dpa-Korrespondent von der Grenze.

Bei Kundgebungen für den Schutz Kobanes kamen in der Türkei mindestens 14 Menschen ums Leben. Auch in Deutschland gab es gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Kurden und Islamisten.

«Unser Hauptproblem ist der Mangel an Lebensmitteln für die Verteidiger», sagte ein kurdischer Kämpfer, der es verletzt bis in die Türkei geschafft hatte. «Außerdem fehlen uns Waffen und Munition», sagte er dpa im türkischen Grenzdistrikt Suruc. «Einige der Luftangriffe gehen völlig daneben, andere sind hilfreich», fügte er hinzu. Der Mann bestätigte, dass die IS-Milizen aus einigen Teilen der Stadt zurückgedrängt worden seien. In anderen Bereichen Kobanes (arabisch: Ain al-Arab) seien sie aber vorgerückt. Ins Zentrum selbst seien sie noch nicht vorgedrungen. «Es ist ein ständiges Vor und Zurück», sagte der Kurde.

Ein anderer Kämpfer der Volksschutzeinheiten, der aus Kobane über die Grenze kam, äußerte sich pessimistischer: «Die Situation ist schlechter, als die Menschen denken». Viele seien ernsthaft verletzt und noch immer in Kobane: «Es war nicht möglich, sie rauszubringen. IS ist sogar noch näher gekommen.»

Ein kurdischer Aktivist namens Farhad al-Shami in Kobane sagte der dpa am Telefon, die Kämpfe hätten sich auf den Osten der Stadt konzentriert. «IS-Kämpfer haben eine groß angelegte Offensive begonnen, um den gesamten Bezirk Kani Araban unter ihre Kontrolle zu bringen», sagte er. Die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte und die kurdische Nachrichtenseite Welati hatten zuvor gemeldet, kurdische Kämpfer hätten den Vormarsch der Dschihadisten gebremst und sie an den östlichen Stadtrand gezwungen. Die sunnitischen Extremisten waren am Montag nach wochenlangen Kämpfen in die Ortschaft eingedrungen.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sprach bei einem Treffen mit seinem jordanischen Kollegen Nasser Dschudeh in Berlin von einer Fortsetzung der «syrischen Tragödie». «Wir müssen bekennen, dass wir das geeignete Mittel noch nicht gefunden haben, um den langdauernden Krieg und Bürgerkrieg in Syrien einem Ende zuzuführen.»

Frankreichs Staatspräsident François Hollande sprach sich für die Einrichtung einer Pufferzone für Flüchtlinge zwischen Syrien und der Türkei aus. Diese solle vertriebene Menschen aufnehmen und schützen, teilte der Élysée-Palast nach einem Telefonat Hollandes mit seinem türkischen Kollegen Recep Tayyip Erdogan mit. Er habe sich damit hinter die Idee Erdogans gestellt, eine solche Pufferzone einzurichten. Der neue Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg wird an diesem Donnerstag zu Beratungen über den Kampf gegen IS in der Türkei erwartet. Sollte die Terrormiliz IS von Kobane in Richtung Türkei vorrücken, könnte Ankara den Bündnisfall ausrufen, der Nato-Partner zur Verteidigung der Türkei verpflichten würde.

Die syrischen Kurden baten die internationale Gemeinschaft unterdessen eindringlich um schwere Waffen. «Jeder sagt «wir stehen Euch bei»», sagte der Ko-Präsident der syrischen Kurden-Partei PYD, Salih Muslim, der türkischen Zeitung «Hürriyet Daily News. Aber kein Land unternehme dafür konkrete Schritte.

Die dramatische Lage in Kobane bringt auch die Regierung in Ankara zunehmend in Bedrängnis. Im kurdisch dominierten Südosten der Türkei kamen bei Protestmärschen für den Schutz der Grenzstadt mindestens 14 Menschen ums Leben, wie örtliche Medien übereinstimmend berichteten. Die meisten der Opfer seien bei Zusammenstößen zwischen Islamisten und Anhängern der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK getötet worden.

Bisher haben die an der Grenze stationierten türkischen Truppen nicht in die Kämpfe eingegriffen. Das Parlament in Ankara hatte der Regierung jedoch die Erlaubnis erteilt, militärisch gegen Terrorgruppen in Syrien und im Irak vorzugehen.

Die Kämpfe im Irak und in Syrien wirken sich auch auf Deutschland aus: Bei Gewaltausbrüchen zwischen Kurden und Islamisten wurden in Hamburg und Celle mindestens 23 Menschen teils schwer verletzt. Die Polizei in Celle unterband die Zusammenstöße in der Nacht zum Mittwoch mit Schlagstöcken und Pfefferspray, in Hamburg kamen Wasserwerfer zum Einsatz. Ein dpa-Fotograf berichtete, die Islamisten hätten die Kurden mit Metallstangen, Macheten und spitzen Gegenständen angriffen. Auch die Kurden hätten Waffen bei sich getragen.

Im Irak dauerten die Kämpfe ebenfalls an. Dschihadisten töteten nach Informationen des Nachrichtenportals «Sumaria News» eine frühere irakische Parlamentarierin in der nördlichen Stadt Tel Afar. In dem arabischen Land hatte IS im Juni mit der Eroberung der Millionenstadt Mossul ihren Vormarsch auf Bagdad begonnen.