«Fluchtkorridor Ungarn» - «Nichts wie weg hier»

Der «Fluchtkorridor» nach Deutschland wird zwar offiziell geleugnet, ist aber in der Praxis schon Realität. Besonders gut lässt sich dies zur Zeit am Ostbahnhof in Budapest beobachten.

«Fluchtkorridor Ungarn» - «Nichts wie weg hier»
Boris Roessler «Fluchtkorridor Ungarn» - «Nichts wie weg hier»

In den Zügen, die von hier aus in Richtung österreichische Grenze rollen, fahren an diesem Sonntag nicht nur Asylbewerber, sondern auch Beamte der Bundespolizei aus Deutschland mit - zusammen mit österreichischen Kollegen und ungarischen Beamten. «Kein Foto bitte», sagt die blonde Bundespolizistin, «ich weiß nicht, ob meine Dienststelle das erlaubt». 

Die Situation an dem Bahnhof, in dem an den Tagen zuvor noch Tausende von Menschen kampiert hatten, hat sich jetzt, wo die Flüchtlinge in Zügen weiterfahren, entspannt. Am Samstag sah es hier noch ganz anders aus.

Die Menschen hatten Angst, die Züge zu besteigen, weil sich herumgesprochen hatte, dass die Polizei die Passagiere eines überfüllten Zuges mit Flüchtlingen in der Nähe eines Lagers zum Aussteigen aufgefordert hatte. Doch jetzt haben sie gehört, dass einige der Schutzsuchenden, die am Samstag von Budapest auch aus losgefahren waren, inzwischen in Österreich angekommen sind. Seitdem die Reise nach Westen einfacher geworden ist, sind auch die ungarischen Polizisten am Bahnhof freundlicher geworden im Umgang mit den Flüchtlingen.

Am Vortag herrschte hier noch Chaos pur. Binnen weniger Stunden füllte sich die Unterführung vor dem Ostbahnhof. Neue Menschen besetzten die Decken und Matten, die von den Flüchtlingen zurückgelassen worden waren, die in der Nacht zum Samstag von hier aus mit Bussen zur österreichischen Grenze gefahren worden waren. 

Auch Siham Daas gehört zu denjenigen, die erst einmal abwarten wollten, ob die Züge auch wirklich zur Grenze fahren. Den ganzen Samstag lang saß sie die 26-jährige Mutter aus der syrischen Provinz Deraa apathisch auf einem Betonklotz vor dem Bahnhofsgebäude. Sie hatte die Nacht mit ihrem Mann und den drei Töchtern in der Wohnung einer hilfsbereiten Ungarin verbracht.

«Wir wollten endlich wieder duschen, und jetzt haben wir die Busse zur Grenze verpasst», sagte sie mit erstickter Stimme. Ihr Ziel ist Deutschland. Ihr Mann hat im türkischen Izmir ein Jahr lang gearbeitet, um die Überfahrt mit dem Boot, den Schlepper und die Weiterreise bis nach München bezahlen zu können. 

Viele der Menschen, die hier im Minutentakt eintreffen, kommen, weil sie gehört haben, dass man jetzt von hier aus zur österreichischen Grenze reisen kann. 

Mohammed Rahim (34) hat für sich und seine Frau Nariman (25) Zugfahrkarten gekauft. Tickets nach Wien wollte ihm der Mann am Fahrkartenschalter nicht geben. «Hegyeshalom» steht auf dem Fahrschein. Das ist der letzte ungarische Ort vor der Grenze zu Österreich. Das Ehepaar hat die vergangene Nacht in einem kleinen Hotel in der Nähe des Bahnhofs verbracht. Die Syrerin aus Damaskus ist erkältet und müde. Sie zeigt auf eine Nachricht, die sie von syrischen Bekannten heute früh erhalten hat: «Mensch, wo seid ihr, wir sind schon in Österreich», steht da in arabischer Sprache.

Dann öffnet sie auf ihrem Smartphone die Fotoleiste. Sie zeigt Bilder von einem ungarischen Erstaufnahmelager an der Grenze zu Serbien. Man sieht blaue Zeltplanen, Dreck, Pritschen und Europaletten, auf denen Armeeschlafsäcke liegen. 

Auch wenn die Regierungen betonen, die Bus-Aktion werde sich nicht wiederholen - die Botschaft, die bei den Flüchtlingen angekommen ist, lautet trotzdem: Ungarn ist kein angenehmes Transitland, aber wer es einmal bis hierher geschafft hat, der landet irgendwann auch in Wien oder München. Ein älterer Syrer, der in Ungarn lebt, steht am Sonntag am Ostbahnhof auf dem Gleis, von dem die Züge zur Grenze abfahren.

«Warum wollt ihr denn unbedingt nach Deutschland?», fragt er zwei junge Landleute, die den blauen Zug besteigen. Er sagt: «Hier in Ungarn lässt es sich auch ganz vernünftig leben». Doch den Eindruck haben die beiden Flüchtlinge nicht gewonnen. Sie sagen, die ungarische Polizei habe sie schlecht behandelt, das Lager an der Grenze zu Serbien sei schrecklich gewesen. «Nichts wie weg hier», sagt der ältere von  beiden. Dann setzt sich der Zug in Bewegung.