Flüchtlingskrise: Kroatien überfordert - Zaun in Ungarn

Zehntausende Flüchtlinge lassen sich auf ihrem Weg nach Westeuropa nicht von geschlossenen Grenzen aufhalten. Obwohl Kroatien sieben Grenzübergänge zu Serbien dicht machte, kamen in dem EU-Land auf der neuen Hauptfluchtroute bisher rund 14 000 Migranten an, wie die Polizei mitteilte.

Die Lage war chaotisch, viele schlugen sich auf beschwerlichen Wegen zu Fuß nach Kroatien durch. Und der Andrang bleibt: Aus Mazedonien kämen weiter jeden Tag im Schnitt bis zu 2000 Menschen nach Serbien, berichtete die Zeitung «Danas» in Belgrad unter Berufung auf Helfer.

Weiter nördlich in Beli Manastir warteten nach Berichten von Medien und Helfern rund 8000 Flüchtlinge, um in Richtung Slowenien reisen zu können. Sloweniens Regierungschef Miro Cerar sagte dem Fernsehsender RTV Slo, sein Land dürfe niemanden durchlassen, der die Bedingungen für die Einreise in den Schengen-Raum nicht erfülle. Daher stoppte das Land den internationalen Zugverkehr - zunächst bis 18.00 Uhr.

Kroatiens Regierungschef Zoran Milanovic will die in sein Land drängenden Menschen nun nach Ungarn umleiten. Sein Land schaffe es nicht mehr, sie zu registrieren. Allerdings baut die ungarische Regierung nun auch an der Grenze zu Kroatien einen Zaun, um - wie bereits an der Grenze zu Serbien - Flüchtlinge abzuhalten.

Zudem weitete Budapest den Notstand auf vier Gebiete im Süden aus, die an Kroatien, Slowenien und Österreich grenzen. Das berechtigt die Behörden zu besonderen Maßnahmen gegenüber Flüchtlingen. Seit Dienstag gilt der Krisenfall für zwei Bezirke an der Grenze zu Serbien. Der dortige Grenzzaun hatte viele Flüchtlinge veranlasst, eine neue Route in Richtung EU zu nehmen.

Unterdessen bot Außenminister Frank-Walter Steinmeier der Türkei weitere Hilfe bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise an. Bei einem Besuch in Ankara lobte er den Nato-Partner für die Aufnahme von um die zwei Millionen Menschen allein aus Syrien. Wichtig sei es, eine «Rückkehr-Perspektive» zu ermöglichen. Ziel ist es zu verhindern, dass sich noch mehr Flüchtlinge auf den Weg nach Europa machen. Die Türkei hat mehr als 2,3 Millionen Menschen aufgenommen, auch aus dem Irak und Afghanistan. Viele wollen inzwischen weiter nach Europa.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) zeigte sich überzeugt, dass die Deutschen die Ankunft der Flüchtlinge in 20 Jahren rückblickend positiv bewerten werden. Damit die Ankunft der Schutzsuchenden zu einer Bereicherung für die alternde deutsche Gesellschaft werden könne, müsse aber klar sein, «dass bei unserem Zusammenleben hier unsere Regeln für alle gelten».

In Bayern werden immer mehr mutmaßliche Schleuser festgenommen. Fast 800 Menschen, die Flüchtlinge illegal über die Grenze gebracht haben sollen, sitzen dort inzwischen in Untersuchungshaft, berichtete das Justizministerium in München. An der deutsch-österreichischen Grenze stoppte die Bundespolizei am Donnerstag rund 3700 Flüchtlinge, wie ein Sprecher in der Nacht bilanzierte. Deutschland hatte am Wochenende Grenzkontrollen eingeführt, um ein geordnetes Verfahren der Registrierung und Unterbringung der Flüchtlinge zu gewährleisten.

Der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU), warnte vor einer voreiligen Aufhebung dieser Kontrollen. «Wir sollten sie unter keinen Umständen beenden, bevor es nicht die Hotspots in Südeuropa und die zentralen Aufnahmeeinrichtungen in der Bundesrepublik gibt», sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Beim EU-Sondergipfel am Mittwoch soll es auch um den Aufbau von Hotspots in Griechenland und Italien gehen. Dort sollen Flüchtlinge registriert und anschließend auf die EU-Staaten verteilt werden.

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück, sprach sich für eine Begrenzung der Zuwanderung aus. «Wir kommen auf Dauer um eine Begrenzung nicht herum», sagte der frühere CSU-Politiker der «Passauer Neuen Presse» (Freitag). Der Wille zu einer guten Willkommenskultur sei weiter vorhanden. «Aber wir sind gegenwärtig sehr wohl an der Grenze, was die logistischen Kapazitäten angeht. Die sind nicht beliebig und schnell ausbaubar.»

Bundespräsident Joachim Gauck appellierte an Wirtschaft und Politik, die Aufnahme von Flüchtlingen ins Arbeitsleben stärker zu unterstützen. «Viele der Menschen, die derzeit zu uns kommen, werden lange Zeit bleiben», sagte er in Berlin.

Laut der EU-Statistikbehörde Eurostat gingen in Ungarn im zweiten Quartal - bezogen auf die Einwohnerzahl - die meisten Erstanträge auf Asyl in Europa ein. In absoluten Zahlen lag das Land mit 32 700 Menschen auf Platz zwei hinter Deutschland mit 80 900 Erstanträgen. Auf Deutschland entfielen damit 38 Prozent aller Asylanträge in der EU, auf Ungarn 15 Prozent.