Flugzeugabsturz in den Alpen mit 150 Menschen an Bord

Bei einem der schwersten Abstürze in der deutschen Luftfahrtgeschichte sind in Südfrankreich wohl alle 150 Menschen an Bord ums Leben gekommen.

Unter ihnen waren ersten Angaben zufolge 67 Deutsche. Eine Maschine vom Typ Airbus A320 der Lufthansa-Tochter Germanwings stürzte auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf am Dienstagvormittag in den französischen Alpen ab. Bilder zeigen unzählige Trümmerteile in karger Felslandschaft. Außenminister Frank-Walter Steinmeier äußerte sich nach einem Flug über den Absturzort entsetzt: «Vor Ort zeigt sich ein Bild des Grauens.»

Einer der Flugschreiber wurde inzwischen gefunden. Die Auswertung soll Aufschluss über die Absturzursache geben. Am Mittwochmorgen wollten Experten die schwer zugängliche Unfallstelle in der Nähe des Ortes Digne untersuchen.

An Bord der Maschine waren laut Germanwings insgesamt 144 Passagiere und 6 Besatzungsmitglieder. «Es gibt keinen Überlebenden», zitierte die Zeitung «Le Figaro» den französischen Verkehrsstaatssekretär Alain Vidalies. Germanwings-Chef Thomas Winkelmann sprach von 67 deutschen Staatsbürgern an Bord. Die Bundesregierung hatte zunächst keine genauen Erkenntnisse über die Zahl der deutschen Todesopfer.

Zu den Opfern zählen 16 Schüler und 2 Lehrer eines Gymnasiums im westfälischen Haltern. Sie waren auf dem Rückweg von einem Austausch bei Barcelona. In Haltern wurde das Joseph-König-Gymnasium, wo 18 der Unglücksopfer zur Schule gingen und arbeiteten, geschlossen. In der Schule wurde ein Krisenstab gebildet. Notfallseelsorger waren im Einsatz, Schüler legten Blumen nieder. Halterns Bürgermeister Bodo Klimpel sprach vom «schwärzesten Tag in der Geschichte der Stadt».

Bei dem Absturz rund 100 Kilometer nordwestlich von Nizza wurde die Maschine völlig zerstört. «Ich habe keinen Zweifel, dass das Flugzeug gegen die Felswand geprallt ist», zitierte die Zeitung «La Provence» einen Augenzeugen, der Trümmer von einem Gebirgspass aus gesehen habe. Die Wucht des Aufpralls mache wenig Hoffnung auf Überlebende, sagte Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve.

«Entsetzliche Bilder in dieser Berglandschaft. Es bleibt nichts außer Trümmern und Körpern», twitterte Christophe Castaner, Abgeordneter der Region Alpes-de-Haute-Provence, der wie Außenminister Steinmeier die Unfallstelle überflogen hatte.

Am späten Nachmittag waren Hunderte Einsatzkräfte und rund ein Dutzend Hubschrauber und Militärflugzeuge an der Unglücksstelle nahe des kleinen Ortes Prads-Haute-Bléone im Einsatz, wie «Le Monde» berichtete. Eine Sporthalle des Bergortes Seyne-les-Alpes wurde nach einem TV-Bericht für die Aufbahrung von Opfern eingerichtet.

Die Absturzstelle liegt in einem schwer zugänglichen Berggebiet zwischen den kleinen Gemeinden Le Vernet und Prads-Haute-Bléone im Südosten Frankreichs. Das Gebiet ist nur aus der Luft oder zu Fuß zu erreichen. Auf ersten Fotos und Videoaufnahmen aus der Luft ist zu erkennen, dass Trümmerteile über weite Teile eines zerklüfteten Tals verteilt sind. Größere Wrackteile waren zunächst nicht auszumachen.

Deutschen Sicherheitsbehörden zufolge gibt es keinen Hinweis auf einen terroristischen Anschlag. Auch das Weiße Haus geht von einem Unfall aus: «Es gibt derzeit keine Anzeichen für einen Zusammenhang mit Terrorismus», sagte eine Sprecherin des Nationalen Sicherheitsrats der Deutschen Presse-Agentur in Washington.

Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich tief betroffen: «Der Absturz der deutschen Maschine mit über 140 Menschen an Bord ist ein Schock, der uns in Deutschland - und der Franzosen und Spanier - in tiefe Trauer stürzt», sagte die Bundeskanzlerin. Das Ausmaß des Leides sei unermesslich.

Merkel wollte am Mittwoch zur Absturzstelle reisen. Dort trifft sie sich mit Frankreichs Präsident François Hollande und Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy. Unter den Opfern sind nach Regierungsangaben auch viele Spanier.

Bundespräsident Joachim Gauck brach angesichts der Katastrophe seine Südamerikareise ab: «Ich bin weit weg von Ihnen kilometermäßig und ganz nah bei Ihnen mit meinen Gefühlen und meiner Trauer», sagte Gauck. Die Bundesregierung und das Luftfahrtbundesamt richteten Krisenstäbe ein.

Am Flughafen Düsseldorf löste die Nachricht vom Absturz Schock, Entsetzen und Trauer aus. An der VIP-Lounge, die der Flughafen für Angehörige und Seelsorger zur Verfügung stellte, kamen Angehörige mit völlig verweinten Augen an. Von einem «rabenschwarzen Tag für den Flugverkehr» sprach Airport-Sprecher Thomas Kötter.

Vor dem Unglück war die Maschine nach Angaben von Germanwings in einem achtminütigen Sinkflug. Der Leiter des Flugbetriebs bei Germanwings, Stefan-Kenan Scheib, sagte, es habe dazu keine Kommunikation gegeben.

Die Besatzung der abgestürzten Maschine setzte nach Behördenangaben keinen Notruf ab. Das berichtete die französische Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf die für zivile Luftfahrt zuständige Stelle DGAC. Deswegen habe die Flugsicherung beschlossen, einen Notfall für das Flugzeug auszurufen. Es habe keinen Kontakt mehr zwischen Crew und Bodenkontrolle gegeben. In ersten Berichten war von einem Notsignal die Rede gewesen.

Die Absturzursache dürfte erst in einigen Wochen geklärt sein, wie Luftfahrt-Analyst Thomas Saquer von der Unternehmensberatung Frost & Sullivan sagte. Die Maschine scheine schnell an Höhe verloren zu haben, sagte Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt dem Sender N-TV. Die Auswertung von Radardaten zeige, dass es «vielleicht» ein technisches Problem gegeben habe. Meteorologen zufolge herrschte in der Region zum Absturzzeitpunkt gutes Wetter.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr sagte: «Wir sind in Gedanken bei denen, die heute Menschen, die sie lieben, verloren haben.» Laut der Datenbank der privaten Flight Safety Foundation hatte Lufthansa neun Flugzeugunfälle mit zusammen 157 Todesopfern zu beklagen - bis zum Dienstag.

Germanwings betonte, das abgestürzte Flugzeug sei mit aktuellster Computertechnik ausgestattet gewesen. Ein Technik-Problem, wie es kürzlich bei einer Lufthansa-Maschine aus derselben Airbus-Familie bekanntgeworden war, sei daher bei dem Unglücksflieger nicht zu erwarten, sagte der Leiter des Flugbetriebs, Stefan-Kenan Scheib.

Der Airbus A320 ist das erfolgreichste Airbus-Modell. Von dem Mittelstrecken-Jet sind weltweit fast 3700 Maschinen im Einsatz. Die jetzt abgestürzte Airbus-Maschine war mehr als 24 Jahre alt.

Französische Kommentatoren sprachen vom schwersten Flugunglück in Frankreich seit dem Concorde-Absturz am 25. Juli 2000. Auf dem Air-France-Flug 4590 war das Überschallflugzeug damals kurz nach dem Start vom Flughafen Paris-Charles de Gaulle abgestürzt, wobei alle 109 Insassen sowie vier Menschen am Boden ums Leben kamen.