Forscher: Euphorie zu Flüchtlingen ließ sich nicht erhalten

Der Andrang von Flüchtlingen nach Deutschland reißt nicht ab. Wie es weitergeht, weiß niemand. Der Berliner Migrationsforscher Ruud Koopmans wundert sich im Interview der Deutschen Presse-Agentur nicht über die Ängste vieler Menschen.

Frage: Bei der Wählergunst sind CDU/CSU auf einem Tiefstand. Auch die Zahl der Menschen ist gewachsen, die in Umfragen Angst vor dem Flüchtlingszustrom bekunden. Was halten Sie für die Ursachen? 

Antwort: Wir sind in einer einzigartigen Situation mit vielen Unsicherheiten. Das macht vielen Sorgen - vor allem Leuten, die bislang wenig mit Zuwanderung konfrontiert wurden. In einer Berliner Nachbarschaft mit vielen Zuwanderern ist es weniger ein Unterschied, wenn nochmal 1000 Menschen hinzukommen - anders in einem Dorf. Da fühlen sich die Leute von der Politik wenig ernst genommen. Man sieht im Westen deutlich das Stadt-Land-Gefälle, aber es gibt genauso das Ost-West-Gefälle. Im Osten ist die Zahl der Zuwanderer viel geringer. Im Westen hat man seit den 50er und 60er Jahren diese Erfahrung gemacht.

Frage: Ist das auch ein Grund für den Zulauf bei Pegida in Dresden?

Antwort: Dresden war schon immer ein bisschen eine Ausnahme, auch als es um die Wende ging. Es war einer der Orte, wo die Bürgerbewegung am schwächsten ausgeprägt war.

Frage: Wie prägt die Angst vor islamistischem Terror die Debatte?

Antwort: Es ist eine dieser Unsicherheiten. Was aber überschätzt wird, ist die Gefahr, der Islamische Staat würde über die Flüchtlingsströme Leute bei uns einschleusen. Das wäre strategisch nicht klug, der IS braucht seine Leute vor Ort. Es ist aber schon so, dass die größte Zahl der Zuwanderer aus Syrien vor dem Assad-Regime und nicht vor dem IS flieht. Wer vor Assad flieht, das sind vor allem sunnitische Muslime. Darunter ist zweifellos eine Gruppe, die einer eher traditionellen Form des Islams anhängt. Das ist ein Unsicherheitsfaktor, aber kurzfristig keine Bedrohung.

Frage: Wie sehen Sie die Rolle der Medien bei dem Thema?

Antwort: Die Berichterstattung wird langsam ein bisschen ausgewogener. In der Anfangsphase war es relativ einseitig und euphorisch. Ganz Deutschland schien auf dem Trip zu sein, wie gut wir sind. Als ob man sich selbst neu erfunden hätte, da sind die Medien völlig mitgegangen. Ich will das nicht negativ beurteilen, aber die Haltung kann man nicht aufrechterhalten. Dafür ist das Thema zu komplex, es hat nicht nur positive Seiten. Auch die Kanzlerin weiß, dass man es ohne regulierende Maßnahmen und Einschränkungen im Asylrecht nicht in den Griff bekommen wird.

ZUR PERSON: Der Politik- und Sozialwissenschaftler Ruud Koopmans forscht am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) unter anderem zu religiösem Fundamentalismus und Fremdenfeindlichkeit Er ist Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin.