Griechen-Drama: «Unsicherheit ist Gift für die Konjunktur»

Die Griechen sagen «Nein» - doch Finanzmärkte und Unternehmen in Deutschland reagieren gelassen. Ein wichtiger Grund: Die Bedeutung Griechenlands als Handelspartner für deutsche Firmen ist vergleichsweise gering.

Exporte in das von der Pleite bedrohte Land machen gerade einmal rund 0,4 Prozent aller Ausfuhren «Made in Germany» aus. Alles gut also? Ganz so einfach ist es nicht. Denn eine schnelle Lösung in dem Drama ist auch nach dem eindeutigen Ausgang des Referendums vom Wochenende zunächst nicht in Sicht - und das kann Folgen für die Konjunktur haben.

Vor allem Maschinen und Fahrzeuge sowie chemische und pharmazeutische Produkte «Made in Germany» gehen nach Griechenland. Aus Sicht der Branchen ist die Bedeutung des Landes jedoch nicht sehr groß. So exportierten deutsche Firmen im vergangenen Jahr Maschinen und Anlagen im Volumen von 360 Millionen Euro nach Griechenland. Hellas liegt damit auf Rang 54 der wichtigsten Ausfuhrmärkte dieser deutschen Schlüsselindustrie - noch nach Nigeria. «Die direkten Folgen sind überschaubar», sagt der Chefvolkswirt des Branchenverbandes VDMA, Ralph Wiechers.

Ähnlich ist das Bild in der Chemie- und Pharmaindustrie. Im vergangenen Jahr gingen chemisch-pharmazeutische Erzeugnisse im Wert von gut 1,3 Milliarden Euro nach Griechenland, das entspricht 0,8 Prozent der Gesamtausfuhren der Branche. Von den deutschen Pharmaherstellern ist nur Boehringer Ingelheim auch mit einem eigenen Werk in dem Land vertreten. In der Autoindustrie liegt der Anteil der Exporte nach Hellas bei gerade einmal 0,3 Prozent.

Sorgen bereitet aber die andauernde Hängepartie. «Die Griechenlandkrise wird von Tag zu Tag mehr zu einer EU-Krise», sagt Wiechers. «Die Unsicherheit ist Gift für die Konjunktur im Euroraum, die sich gerade zaghaft erholt.» Ähnlich bewertet das Beratungsunternehmen EY (Ernst & Young) die Lage: «Die aktuelle Unsicherheit über die Zukunft Griechenlands belastet das Verbrauchervertrauen und die Investitionsbereitschaft der Unternehmen», sagt EY-Partner Thomas Harms.

Die Krise hatte jüngst erstmals die Verbraucherstimmung in Deutschland gedämpft. Die vielen offenen Fragen zur Zukunft des pleitebedrohten Landes verunsicherten die Bürger, analysierten die GfK-Konsumforscher.

Für einzelne Firmen in Deutschland können die Folgen zudem gravierend sein. Das Zahlungsverhalten griechischer Unternehmen wird sich nach Ansicht der Kreditversicherers Euler Hermes weiter verschlechtern. Seit Einführung der Kapitalverkehrskontrollen am vergangenen Montag ist es für die Firmen schon deutlich schwieriger geworden, Rechnungen ihrer Geschäftspartner im Ausland zu bezahlen. Eine Kommission im Finanzministerium muss Überweisungen auf ausländische Konten genehmigen. Manche Firmen liefern nur noch gegen Vorkasse.

Eine mögliche Pleite Athens und ein Austritt des Landes aus dem Euro (Grexit) gelten dagegen als beherrschbar: So sind die deutschen Banken in Griechenland nur noch sehr gering engagiert. Ende 2014 hatten die Institute Berechnungen der Bundesbank zufolge in dem Land noch 2,4 Milliarden Euro verliehen. Staatsanleihen halten sie seit dem Schuldenschnitt vom Frühjahr 2012 kaum noch. Auch die Ansteckungsgefahr für andere Euro-Länder gilt als gering, seitdem der europäische Rettungsfonds EFSF/ESM und die Europäische Zentralbank eine milliardenschwere Brandmauer gezogen haben.

Dennoch hinterlässt das Drama - unabhängig vom Ausgang - Spuren. Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann vom Verband der Chemischen Industrie formuliert es so: «Das Bild der EU in der restlichen Welt als stabile Gemeinschaft hat Risse bekommen.»