Juliette Gréco: Traurig, aber dankbar

Die große Dame des französischen Chansons bedankt sich bei ihren Fans mit einer letzten großen Tournee. Die 88-jährige Juliette Gréco will bis April 2016 rund 25 Konzerte geben. Neben dem einzigen Deutschlandkonzert am 10. Mai in Frankfurt singt sie etwa in Israel und Kanada.

Juliette Gréco: Traurig, aber dankbar
Daniel Reinhardt Juliette Gréco: Traurig, aber dankbar

Sie fühle sich noch fit und wolle ihren Abgang in Würde selbst bestimmen, betont sie im Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Frage: Ende Januar haben Sie angekündigt, dass Sie sich mit der bevorstehenden Tournee von ihren Fans und von der Bühne verabschieden werden - wie kamen Sie zu dem Entschluss?

Antwort: Einfach, weil die Zeit voranschreitet. Es wird schmerzhaft für mich werden aufzuhören. Aber alles hat seine Zeit. Ich denke, es ist eine weise Entscheidung. Mir bleibt aber noch viel Zeit. Ich werde ein Jahr unterwegs sein, vielleicht auch noch länger. Das hängt davon ab, wie es mir geht. Geistig ist alles okay, aber der Körper muss auch mitmachen.

Frage: In welcher körperlichen Verfassung starten Sie Ihre Tournee?

Antwort: Im Moment ist alles prima. Aber wie lange wird es gutgehen? Ich habe keine Ahnung. Ich bin schließlich nicht Gott, ich bin nur ein Mensch. Ich weiß, was ich gerne tun würde. Aber alles ist von nun an immer mit einem großen Fragezeichen verbunden.

Frage: Wie gehen Sie damit um?

Antwort: Mich macht das sehr traurig, und ich bin sehr unglücklich darüber. Ich muss aber vernünftig sein. Ich möchte die Bühne aufrecht verlassen und nicht so lange warten, bis ich abtreten muss, weil ich nicht mehr anders kann. Ich will mich nicht schämen müssen.

Frage: Ihre Tournee steht unter dem Motto «Merci». Wofür bedanken Sie sich?

Antwort: Für das Leben. Für das wundervolle Leben, das ich führen durfte - mit meinen Komponisten, meinen Autoren und meinem Publikum. Ich möchte nicht Adieu sagen, ich möchte einfach Danke sagen. Deshalb muss ich nun nochmal die Welt bereisen. Das Leben ist ein Wunder, es ist magisch. Ich bin jetzt 88 Jahre alt und habe nie aufgehört zu arbeiten, seit 65 Jahren. Natürlich waren das auch 65 Jahre voller Zweifel, aber vor allem bin ich glücklich.

Frage: Sie schrieben in Ihrer Autobiografie, dass Sie «stinkfaul» seien. Womit beschäftigen Sie sich, wenn Sie nicht arbeiten?

Antwort: Faule Menschen sind sehr aktiv. Wir sind faul, und trotzdem sind wir sehr beschäftigt. Ich arbeite ständig. Es gibt so viele Dinge, um die man sich kümmern muss: Sie kümmern sich um Ihr Haus, um die Menschen, die Sie lieben. Sie müssen lesen, Musik hören, ausgehen und schauen, was in der Welt passiert. Ich bin sehr neugierig auf das, was geschieht in der Welt.

Frage: Was sehen Sie, wenn Sie sich die Welt heute anschauen?

Antwort: Ich mache mir große Sorgen. Die Welt spielt verrückt, sie ist in Brand geraten. Wir begeben uns zurück in die Welt der Barbarei. Ich bin sehr besorgt und erschrocken über den Zustand der Welt. Ich habe mich noch nie vor etwas gefürchtet im Leben, heute fürchte ich mich. Ich habe wirklich Angst.

Frage: Was genau macht Ihnen Angst?

Antwort: Diese ganze Barbarei. All das, was überall passiert. Kleine Jungen bekommen Gewehre in die Hand gedrückt. Sie sind zwölf Jahre alt und bekommen erzählt, sie sollen damit Menschen umbringen. Das ist beängstigend. Es ist eine andere Welt geworden, die Welt hat ein anderes Gesicht. Das ist sehr verstörend.

Frage: Kann Musik die Welt verbessern?

Antwort: Ja, natürlich. Musik ist eine Waffe, die alles bewirken kann. Wenn Sie Musik hören, vergessen Sie den Rest. Wenn die Musik aufhört, kehren Sie zurück in die Realität.

Frage: Wie sehen Sie die Zukunft des französischen Chansons?

Antwort: Ich habe ein gutes Gefühl. Die jungen Chansonkünstler entwickeln sich. Es sind wenige, aber die sind gut. Sie haben alle etwas zu sagen. Sie sind anders. Das ist wirklich wichtig: Du selbst zu sein. Und nicht zu versuchen, jemand anderes zu sein.

Frage: Denken Sie an den Moment, wenn Sie sich vom Leben verabschieden müssen?

Antwort: Ich habe keine Angst zu sterben. Es ist ganz normal. Es ist einfach ein Geschenk, noch am Leben zu sein. Ich wusste immer schon, dass ich hier bin, um zu sterben. So wie wir alle. Das ist keine Überraschung.

ZUR PERSON: Entdeckt wurde die am 7. Februar 1927 in Montpellier geborene Juliette Gréco nach dem Zweiten Weltkrieg in den berühmten Pariser Kellerkneipen. Bühnen- und TV-Gastspiele als Sängerin machten sie in 80 Ländern der Welt zu einem der besten Exportartikel des kulturellen Frankreichs.