Frankreich nach Anschlag unter Schock

Nach dem schwersten Terroranschlag in Frankreich seit einem halben Jahrhundert läuft die Fahndung nach den Tätern auf vollen Touren. Während das Land unter einem schweren Schock steht, wurden die Sicherheitsmaßnahmen im Großraum Paris massiv verschärft.

Praktisch die gesamte Führungsmannschaft des islamkritischen Pariser Satiremagazins «Charlie Hebdo» war ermordet worden. Die Staatsanwaltschaft sprach von 12 Toten, darunter waren auch zwei zum Schutz des Magazins eingesetzte Polizisten.

Die Tat löste international Abscheu aus, in Frankreich solidarisierten sich Zehntausende in den Städten mit dem Magazin. Die Mitglieder des UN-Sicherheitsrats verurteilten den Anschlag als «barbarisch», «feige» und «inakzeptabel».

Bei ihrer Flucht in einem Auto gaben die Täter weitere Schüsse ab; eine Passantin wurde verletzt. Die Tat wurde auch von Muslimverbänden und anderen Religionen in Frankreich vehement verurteilt. Führende Vertreter wollen an diesem Donnerstag eine gemeinsame Initiative beraten.

Staatspräsident François Hollande eilte sofort zum Tatort und rief die Nation zur Einheit auf. Er sprach von «Barbarei» und einem «Schock für Frankreich». Nach einer Krisensitzung des Kabinetts erklärte die Regierung, es seien drei Täter am Werk gewesen. Der Staatsanwalt sprach von «mindestens zwei» Angreifern.

Frankreichs Regierung rief für die Pariser Region die höchste Sicherheitsstufe aus, mindestens 500 zusätzliche Polizisten sind im Einsatz. Hollande berief für Donnerstagfrüh eine zweite Sondersitzung des Kabinetts ein und beriet sich telefonisch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem britischen Premierminister David Cameron.

«Diese abscheuliche Tat» sei ein Angriff auf die Meinungs- und Pressefreiheit, sagte Merkel. US-Präsident Barack Obama bot Frankreich als «ältestem Verbündeten Amerikas» jede Hilfe an, «um diese Terroristen vor die Justiz zu bringen». Auch islamische Staaten wie Katar, Muslimverbände, die EU und die Nato verurteilten die Tat. In Dutzenden französischen Städten kamen Menschen zu Solidaritätskundgebungen für «Charlie Hebdo» zusammen - in Lyon und Toulouse jeweils 10 000, in Paris 5000.

Zeugen zufolge drangen zwei schwarz vermummte Männer mit Kalaschnikows in die Redaktionsräume ein und schossen kaltblütig um sich. Die Terroristen riefen «Allah ist groß» und «Wir haben den Propheten gerächt». «Sie sprachen perfekt Französisch», sagte die Zeichnerin Corinne Rey, die den Anschlag überlebte, der Zeitung «l'Humanité». Dabei hätten sie behauptet, zur Terrororganisation Al-Kaida zu gehören. Der Überfall habe etwa fünf Minuten gedauert.

Im Internet kursieren von einem Dach aufgenommene Videos von der Straße vor dem Redaktionsgebäude im Pariser Osten. Darauf ist zu sehen, wie einer der vermummten Täter mit einem Schnellfeuergewehr auf einen bereits auf dem Bürgersteig liegenden Polizisten zugeht und ihn ermordet. Bilder zeigten einen Polizeiwagen mit Einschusslöchern.

Unter den Toten sind der Mohammed-Karikaturist und Redaktionsleiter Charb alias Stéphane Charbonnier und sein Leibwächter. Charb tauchte im Frühjahr 2013 im Internetmagazin «Inspire» der Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) auf einer «Fahndungsliste» auf. Die AQAP verübt vor allem im Jemen Anschläge. Neben Charb sind acht weitere Personen zu sehen, darunter der dänische Mohammed-Karikaturist Kurt Westergaard und der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders.

Als Reaktion auf den Anschlag verschärften Länder wie Italien die Sicherheitsvorkehrungen für Medien. In Deutschland sehen Sicherheitskreise keine Anzeichen für erhöhte Terrorgefahr; es herrsche eine «abstrakt hohe» Gefährdung. Für die Deutsche Polizeigewerkschaft ist es aber nur eine Frage der Zeit, bis es auch in Deutschland einen Anschlag gebe. Angriffe fanatischer Einzeltäter seien nicht zu verhindern, sagte ihr Vorsitzender Rainer Wendt.

Der Anschlag erfolgte am Tag des Erscheinens des islamkritischen Romans «Soumission» (Unterwerfung) von Michel Houellebecq in Frankreich. «Charlie Hebdo» hatte aus diesem Anlass Houellebecq am Mittwoch auf sein Titelblatt gehoben und sich über den Schriftsteller lustig gemacht. Der Roman beschreibt das Leben in Frankreich unter einem muslimischen Präsidenten.

«Charlie Hebdo» war mehrfach wegen Mohammed-Karikaturen in die Kritik geraten. Bereits im November 2011 waren nach der Veröffentlichung einer «Scharia»-Sonderausgabe mit einem «Chefredakteur Mohammed» die Redaktionsräume in Flammen aufgegangen.