Frankreich und die USA feiern die «Thalys-Helden»

Nach den Kalaschnikow-Schüssen in einem Thalys-Hochgeschwindigkeitszug feiern Frankreich und die USA die Fahrgäste, die den Schützen unter Lebensgefahr überwältigten, als Helden.

Frankreich und die USA feiern die «Thalys-Helden»
Michael Reynolds Frankreich und die USA feiern die «Thalys-Helden»

Ihrer Courage und Beherrschung habe man viel zu verdanken, sagte der französische Innenminister Bernard Cazeneuve. Ein Mann hatte am Vorabend im Thalys-Zug von Amsterdam nach Paris das Feuer eröffnet. Mehrere Passagiere griffen ein und rangen ihn nieder, darunter zwei US-Soldaten. Zwei Menschen wurden bei dem Vorfall schwer verletzt, Anti-Terror-Ermittler prüfen einen möglichen islamistischen Hintergrund.

US-Präsident Barack Obama lobte, die Passagiere hätten mit ihren «heldenhaften Taten» möglicherweise eine weitaus schlimmere Tragödie verhindert. Frankreichs Staatschef François Hollande lud sie für die kommenden Tage in den Élyséepalast ein, während französische Medien ihnen bereits den Ehrentitel «Helden des Thalys» verliehen. Und auch Nato-Oberbefehlshaber Philip M. Breedlove zeigte sich «extrem stolz» auf die beteiligten Militärs.

Die Schüsse fielen, als der Thalys gerade durchs belgisch-französische Grenzgebiet fuhr. Der festgenommene Schütze ist nach eigenen Angaben 26 Jahre alt und stammt aus Marokko. Falls der Mann seine korrekte Identität genannt habe, sei er von den spanischen Behörden als Angehöriger der radikalislamistischen Bewegung gemeldet worden, sagte Cazeneuve. Dies wird noch überprüft. Der Mann selbst wies im Verhör terroristische Absichten zurück, wie die französische Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Polizeikreise meldete.

Insgesamt sollen fünf Fahrgäste an der Aktion gegen den Schützen beteiligt gewesen sein - ein Franzose, die beiden US-Soldaten in Zivil und ein befreundeter amerikanischer Student sowie ein britischer Geschäftsmann. Der Franzose war nach Darstellung Cazeneuves auf dem Weg zur Toilette, als der Mann mit der Waffe plötzlich vor ihm stand. Er versuchte, ihn zu stoppen, dann fielen Schüsse.

Die Soldaten kamen zu Hilfe: «Wir haben ihn gegen den Kopf geschlagen, bis er bewusstlos war», sagte Nationalgardist Alek Skarlatos. Der US-Sender CNN verbreitete ein Video, das den Schützen mit nacktem Oberkörper und gefesselten Armen auf dem Boden des Zugs zeigen soll. «Wir haben alle extrem Glück gehabt», betonte der britische Geschäftsmann Chris Norman. «Ich glaube, dass seine Waffe eine Ladehemmung hatte.»

Der amerikanische Soldat Spencer Stone wurde mit einem Cutter-Messer verletzt. Ein Schuss traf einen Franko-Amerikaner an seinem Platz. Beide schweben nicht in Lebensgefahr.

Der Fall liegt nun in den Händen der für Terrorismus zuständigen Pariser Staatsanwaltschaft, auch in Belgien wird ermittelt. Der Verdächtige wird in einem Vorort von Paris verhört. Er hatte auch eine automatische Pistole und zehn Magazine bei sich.

Nach Informationen der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» aus deutschen Sicherheitskreisen soll der Mann im Mai möglicherweise an Aktionen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien teilgenommen haben. Demnach checkte er auf dem Weg am 10. Mai am Flughafen Berlin-Tegel zu einem Flug nach Istanbul ein. Der französische Inlandsgeheimdienst DGSI hatte den mutmaßlichen Islamisten nach Informationen der Spanier im Februar 2014 in seine Kartei aufgenommen. Nach bisherigen Erkenntnissen soll er im vergangenen Jahr in Spanien gelebt haben und dann nach Belgien gezogen sein.

Frankreich war in den vergangenen Monaten wiederholt Ziel von Terroranschlägen oder -plänen mit islamistischem Hintergrund. Im Januar schockierten die blutigen Attacken auf die Redaktion des Satiremagazins «Charlie Hebdo» und einen jüdischen Supermarkt das Land. In der Region Paris gilt die höchste Terrorwarnstufe.

In Thalys-Zügen patrouillieren nach der Attacke nun Polizisten. Zurzeit seien dies französische Sicherheitskräfte, es werde aber auch erwogen, belgische und niederländische Polizisten einzusetzen, sagte eine Sprecherin der belgischen Bahngesellschaft SNCB der Nachrichtenagentur Belga.