Frankreich unter Schock

Nach der beispiellosen Anschlagserie von Paris mit mehr als 120 Toten richten sich Staats- und Regierungschefs in aller Welt auf einen massiven und langwierigen Kampf gegen den Terror ein.

Frankreich unter Schock
Christophe Petit Tesson Frankreich unter Schock

Frankreichs Präsident François Hollande und US-Präsident Barack Obama versicherten einander ihre Zusammenarbeit, um die «Geißel des Terrorismus» zu besiegen. Hollande sprach in einer Fernsehsprache an die Nation von einem «erbarmungslosen» Kampf. Kanzlerin Angela Merkel sagte dem Nachbarn «jedwede Unterstützung» zu.

Merkel will bei einem Krisentreffen über Konsequenzen beraten. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur ist die Sitzung für 13.00 Uhr im Kanzleramt angesetzt. Daran sollen unter anderem Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), Innenminister Thomas de Maizière (CDU), der Chef des Bundeskanzleramtes, Peter Altmaier (CDU), und Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) teilnehmen.

Bei mehreren nahezu gleichzeitigen Terrorattacken von mindestens acht Tätern waren am Freitagabend in Paris nach jüngsten Angaben 128 Menschen getötet worden. Rund 250 wurden verletzt, viele davon schwer, wie die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Justizquellen berichtete. Die Attentäter schossen an verschiedenen Orten der französischen Hauptstadt wild um sich und zündeten mehrere Bomben. Allein in der Konzerthalle «Bataclan» richteten sie ein Massaker mit mindestens 80 Toten an. Vier Tote gab es in der Nähe des Stadions Stade de France, wo gerade das Fußball-Länderspiel Deutschland gegen Frankreich stattfand. Die Anschläge ereigneten sich nur zehn Monate nach dem Attentat auf die Satirezeitung «Charlie Hebdo» in Paris.

Hollande rief den Ausnahmezustand aus. Die Grenzkontrollen wurden verstärkt - auch mit Blick auf den Weltklimagipfel, zu dem Paris Ende des Monats Spitzenpolitiker aus aller Welt erwartet. Der französische Präsident empfing am Samstagvormittag die Mitglieder seines Sicherheitskabinetts zu einer Sitzung im Élyseepalast.

Merkel sagte am Samstagmorgen in Berlin in Richtung der Opfer und ihrer Angehörigen: «Wir, die deutschen Freunde, wir fühlen uns Ihnen so nah.» Dieser Angriff auf die Freiheit «meint uns alle». Daher müssten nun auch alle gemeinsam den Kampf gegen den Terror führen. «Wir wissen, dass unser freies Leben stärker ist als jeder Terror.» Sie stehe im engen Kontakt mit der Regierung in Paris, so Merkel. Das Auswärtige Amt hatte am Morgen noch keine Gewissheit, ob unter den Opfern der Terroranschläge von Paris auch deutsche Opfer sind.

Der Chef der Innenministerkonferenz (IMK) der Länder, Roger Lewentz (SPD), sieht die Sicherheitsbehörden in Deutschland nach den Terroranschlägen in Paris «hoch sensibilisiert». «Wir wissen, dass Europa im Fokus auch islamistischer Terroristen steht und wir werden alles tun, um einen Anschlag bei uns zu verhindern», erklärte der rheinland-pfälzische Innenminister am Samstag in Ludwigshafen.

Die genauen Hintergründe der Angriffe in Paris waren auch am Morgen noch unklar. Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen wegen Terrorismus ein. Befürchtet wurde, dass sich Attentäter oder Komplizen noch auf freiem Fuß befinden könnten. Nach Polizeiangaben starben mindestens acht Angreifer. Mit einer Ausnahme sprengten sich alle selbst in die Luft, ein Terrorist wurde von der Polizei erschossen. Alle Indizien deuten darauf hin, dass es sich um eine minutiös vorbereitete Aktion handelte. Bei dem Überfall auf das «Bataclan» soll einer der Männer «Allah ist groß» gerufen haben. Ein Augenzeuge berichtete ferner, dass die Angreifer ihre Tat mit Frankreichs Militäreinsatz in Syrien begründet hätten.

Das schlimmste Bild bot sich im «Bataclan», einer der bekanntesten Konzerthallen von Paris. Allein dort starben mindestens 80 Menschen. Nach Augenzeugenberichten waren mehrere unmaskierte Männer in den ausverkauften Saal gestürmt, wo die US-Rockband «Eagles Of Death Metal» auftrat. Mit Sturmgewehren schossen sie mehr als zehn Minuten wild um sich. Der Boden war anschließend übersät mit Leichen.

Zwei Explosionen vor dem Stade de France hatte Hollande auf der Ehrentribüne beim Fußballspiel Frankreich-Deutschland mit angehört, zusammen mit Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, der an seiner Seite saß. Gleich danach ließ er sich in der Schaltzentrale des Stadions telefonisch über die Ereignisse unterrichten. Noch während des Spiels wurde der Präsident dann aus dem Stadion gebracht.

Aus Sorge vor weiteren Anschlägen wurde das Militär verstärkt. Die Polizei appellierte an die Bevölkerung: «Wir bitten Sie, die eigenen vier Wände nicht zu verlassen und auf Anweisungen der Polizei zu warten.» Die öffentlichen Krankenhäuser in Paris leiteten nach den Terrorattacken nach Medienberichten den sogenannten «Plan blanc» ein. Wie die Zeitung «Le Monde» auf ihrer Homepage am Samstagmorgen schrieb, wurden alle Hospitäler in Alarmbereitschaft versetzt.

US-Präsident Obama verurteilte die Anschläge als «abscheulichen Versuch», die Welt zu terrorisieren. «Wir werden tun, was immer auch getan werden muss, um diese Terroristen zur Verantwortung zu ziehen.» Er bekräftigte auch das Angebot, den französischen Behörden bei den Ermittlungen behilflich zu sein. Der Iran verurteilte die Angriffe scharf und erklärte seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terrorismus. Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping sagte zu, sein Land wolle eng mit der internationalen Gemeinschaft im Kampf gegen Terror zusammenarbeiten.

Mit mehr als 120 Toten ist dies die schlimmste Terrorserie in Europa seit mehr als zehn Jahren. Im März 2004 waren bei mehreren Anschlägen auf Züge in Madrid 191 Menschen getötet und annähernd 2000 verletzt. Die Anschläge gingen auf das Konto von islamistischen Terroristen.