Frankreich warnt vor neuen Anschlägen

Frankreich warnt vor möglicherweise kurz bevorstehenden neuen Angriffen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Europa und erhöht zugleich den Fahndungsdruck auf Verdächtige.

Frankreich warnt vor neuen Anschlägen
Stephane De Sakutin / Pool Frankreich warnt vor neuen Anschlägen

Auch in Belgien kam es zu groß angelegte Razzien schwer bewaffneter Spezialkräfte, bei denen mindestens ein Mensch festgenommen wurde. Drahtzieher der Terrorattacken von Paris mit fast 130 Todesopfern könnte nach Medienberichten der polizeibekannte belgische Dschihadist Abdelhamid Abaaoud sein.

Die IS-Miliz bereitet nach den Worten von Premierminister Manuel Valls weitere Anschläge vor. Er könne Attentate in den kommenden Tagen oder Wochen nicht ausschließen, sagte Valls dem Sender RTL. Die Attentate in Paris seien von Syrien aus organisiert und geplant worden. In einer neuen, zunächst nicht verifizierbaren Videobotschaft drohte der IS Frankreich und seinen Verbündeten mit weiteren Terrorangriffen.

Türkische Sicherheitskräfte hatten nach Angaben aus Regierungskreisen in Ankara einen der mutmaßlichen Attentäter von Paris bereits im vergangenen Jahr als Terrorverdächtigen identifiziert. Die Türkei habe die französischen Behörden im vergangenen Dezember und erneut im Juni über den Verdächtigen Omar Ismaïl Mostefaï informiert, sagte ein Regierungsbeamter der Deutschen Presse-Agentur. Auch der Irak hatte Frankreich nach Angaben von Außenminister Ibrahim al-Dschafari vor IS-Anschlägen gewarnt. Der türkische Geheimdienst MIT vereitelte zeitgleich mit den Pariser Anschlägen geplante Terrorangriffe in Ankara und Istanbul, wie die Zeitung «Sabah» berichtete.

Abaaoud, der mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge von Paris, gilt seit längerem als meistgesuchter Islamist Belgiens. Der 28-Jährige mit marokkanischen Wurzeln soll sich zuletzt in Syrien aufgehalten und dort für den IS gekämpft haben. Früher lebte er in dem als Islamistenhochburg bekannten Brüsseler Stadtteil Molenbeek. Mindestens einer, wenn nicht zwei der Selbstmordattentäter seien Freunde von Abaaoud gewesen, berichteten belgischen Zeitungen.

In Brüssel-Molenbeek nahmen Spezialeinheiten am Montag erneut Hausdurchsuchungen vor. Nach einem Bericht von «Le Parisien» waren sie auf der Suche nach Salah Abdeslam. Der 26-Jährige ist der Bruder des Selbstmordattentäters Ibrahim Abdeslam, der sich auf dem Boulevard Voltaire in die Luft gesprengt hatte. Salah soll auf der Flucht sein, die belgische Justiz hat ihn international zur Fahndung ausgeschrieben. Bereits zuvor war ein weiterer Bruder des Attentäters in Belgien festgenommen worden, der am Montag aber wieder frei kam.

Auch in Frankreich gab es landesweit 168 Hausdurchsuchungen. Dabei wurden 23 Menschen festgenommen und 31 Waffen gesichert. Bei einer Razzia in Lyon fand die Polizei unter anderem einen Raketenwerfer.

Ziel war die Verhinderung weiterer Anschläge, wie Valls dem Sender RTL sagte. Innenministers Bernard Cazeneuve sagte dem Sender France 2, er wolle auch Moscheen schließen, in denen radikales Gedankengut verbreitet werde, und «Hass predigende» Imame des Landes verweisen.

Bei der minuziös geplanten Terrorserie am Freitagabend waren mindestens 129 Menschen getötet und mehr als 350 weitere verletzt wurden. Sieben Angreifer starben. In einer nicht verifizierten Erklärung hatte sich die Terrororganisation IS zu den Bluttaten bekannt, die weite Landstriche in Syrien und dem Irak beherrscht.

Valls sagte am Montag bei RTL: «Wir wissen, dass Operationen vorbereitet wurden und noch vorbereitet werden, nicht nur gegen Frankreich, sondern auch gegen andere europäische Länder.» Er bekräftigte, Frankreich wolle den IS zerstören. Die französische Luftwaffe hatte die Terrormiliz am Sonntag in deren syrischer Hochburg Al-Rakka massiv angegriffen.

Derweil ließ Bundeskanzlerin Angela Merkel ein mögliches verschärftes militärisches Vorgehen Deutschlands gegen die IS-Terrormiliz offen. Zur Beendigung des Syrien-Krieges setze sie auf den in Wien ausgehandelten Friedensprozess, sagte sie beim G20-Gipfel im türkischen Belek bei Antalya. Sie äußerte sich nicht konkret dazu, ob es zu einem UN-Mandat für einen internationalen Einsatz mit Beteiligung der Bundeswehr kommen könnte.

Die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) wollen dem internationalen Terrorismus den Geldhahn zudrehen und die Bewegungsfreiheit von Extremisten einschränken. Im Entwurf der Abschlusserklärung des G20-Gipfels hieß es, die Zusammenarbeit zur Austrocknung der Finanzkanäle solle ausgebaut werden. Um den wachsenden Strom von Extremisten einzudämmen, die nach Ausbildung und Kampf in Bürgerkriegsländern in ihre Heimat zurückkehren, sollen die Grenzen besser überwacht werden.

Mit einer Schweigeminute gedachte Frankreich der Opfer der blutigen Attentate. An den Tatorten in Paris verharrten zahlreiche Menschen in Stille. Präsident François Hollande und Premierminister Valls nahmen in der Universität Sorbonne an der Schweigeminute teil.